20

 

In 2,5Std. kann man theoretisch 3000 Rosinen essen, man kann rund 15.000 Worte sagen, etwa 50 Kilometer radfahren ohne sich groß zu verausgaben, man könnte wahrscheinlich 9000 mal einen Ping Pong Ball hin und her schlagen, man kann mit dem IC von Bremen nach Essen Hbf fahren, genial geübte Leser schaffen in der Zeit 135000 Worte… oder man läuft 20 Kilometer. Letzten Sonntag hatte ich mir letzteres als Zeitvertreib vorgenommen.

Ich empfehle das nicht. Durchaus nicht. Sollte man die Wahl haben… selbst die Rosinen sind wahrscheinlich besser. Aber ich hatte es mir nun mal vorgenommen und wollte es ganz unbedingt.

Über den Ausgang dieses Wunsches war ich mir noch unsicher, als ich mir meine Startnummer und den Einmalchip für die Zeitnahme abhole. Ich bin in Wettkämpfen nie weiter als 10km gelaufen, ich weiß, dass ich 15km schaffe… 20km bin ich noch nie gelaufen, noch nie. Als ich den Halbmarathon im Nordic Walking gemacht habe gab’s eine Trainingsgeneralprobe. Das Laufen habe ich anders trainiert. Jeden zweiten Tag Fitness-Studio, drei Wochen lang… rund 10km auf dem Laufband oder Crosstrainer. Nicht mehr, nicht weniger. Konditionstraining ohne Körperramponierung. Fünf Kilo nehme ich dabei ab… zu schwer für den Spaß bin ich immer noch, aber von einer angemessen drahtig leichten Läuferfigur werde ich mein Leben lang so weit entfernt sein wie vom Mond, also was soll’s.

10.30h trabt die bunte Schar der Freizeitläufer minutenlang über die Ziellinie, es sind deutlich mehr als bei den Minusgraden des letzten Laufes. Die Sonne strahlt frühlingshaft, die Luft ist angenehm, aber kühl und die Parkwege sind noch ein wenig regenfeucht, also weich – auf die Rahmenbedingungen werde ich ein Scheitern gegebenfalls also eher nicht schieben können.

Die ersten 5km mäßige ich mich selbst herunter… das laufen fühlt sich gut an, ein wenig übermütig – sonnig eben und gutlaunig… aber ich weiß, dass es mir ungeheuerlich die Laune der letzten beiden Runden verderben wird, wenn ich mich nicht einteile.

Als ich nach 10km über die Ziellinie laufe denke ich, wie seltsam das gerade ist. Eigentlich wäre ich jetzt fertig… hätte den üblichen roten Kopf und würde noch ein paar Stunden eine angenehme Erschöpfung und Ruhe in meinen Muskeln spüren. Heute bin ich nicht fertig, heute mache ich das Ganze gleich nochmal. Und als hätte ich meinen Kopf damit in die falsche Richtung gelenkt beginnt ab 12km die Meuterei der Gedanken. Ab jetzt greift etwas, das nenne ich „psychische Hygiene“. Der Körper findet das Unternehmen nunmehr weniger schick und beginnt die Gedanken zu instrumentalisieren, formiert sie zu Terrorgruppen, die subversiv die Laufmoral attackieren. Ich gehe dann in mir selbst ins Kino. Mal verlege ich die Laufstrecke zum New Yorker Marathon und stelle mir Menschenmassen vor, die meine Strecke säumen, manchmal stelle ich mir vor, ich sei oben in der ISS auf dem Laufband beim täglichen muskelerhaltenden Pflichtsport der Astronauten. Ich verfasse schon mal im Geiste kleine Passagen für den Blog oder platziere mir wertvolle motivationsgebende Menschen unter die Zuschauer. Kurz, ich veranstalte eine regelrechte Clipshow in meinem Kopf, die mich vorwärts trägt und meine nörgelnden Gedanken planiert. Sowas bringt locker 3-4km Ruhe.

Allmählich meutert allerdings auch mein Körper. Der Magen beklagt sich über den bröseligen Protein-Magnesium-Riegel, den ich ihm in der dritten Runde zugemutet habe und bedankt sich mit winzigen Dosen hauseigener Salzsäure zu Beginn der vierten Runde. Meine Kniegelenke halten das Projekt mittlerweile für eine grundsätzlich blödsinnige Idee und strahlen ihre Meinung hoch zu den Hüften, die sich dem vorbehaltlos anschließen und ihrerseits den unteren Rücken ins rebellische Boot holen. Meine Schulterpartie mutiert zu einer Verspannungsregion mit Spanplattenartigem Charakter und meine Muskeln machen den Ganzkörperschmerz dumpf perfekt.

Vor kurzem hat mir eine Kollegin gesagt, unser Körper könne von mehreren Schmerzregionen immer nur die dominante wahrnehmen… ich kann mich aber gerade nicht entscheiden welche das nun ist.

Ab Kilometer 17 beginnt das, was ich in Anlehnung an „Findet Nemo“ meine „Dori-Phase“ nenne… laufen, laufen, einfach laufen. Denken ist jetzt Nebensache und funktioniert auch nicht mehr auf feinstrukturierte Weise, der Körper mechanisiert sich durch, läuft, weil etwas das will, weil es vollkommen unsinnig wäre 3km vor dem Ziel aufzuhören, 2km vor dem Ziel aufzuhören, ach komm, 1km noch… eigentlich mache ich solches Zeug wegen genau dieser Phase. Nicht mittendrin, aber später, finde ich immer, dass es das Beste war. So ein tranceartiger Zustand zwischen Willen und scheitern, wo der Körper etwas macht, was er eigentlich gar nicht mehr kann und es trotzdem kann.

Hinter der Ziellinie steht eine junge Kollegin von mir, mit gezücktem Smartphone. Sie ist während des Wettkampfes extra mit ihrem Bremer Gast angerückt, damit nach meinen ersten 20km im Exil jemand auf mich wartet.

Ich lade beide zum Essen ein – aber erstmal gehe ich in die Badewanne… lange, sehr sehr lange.

Als ich drei Stunden später auf mein Rad steige dufte ich wie ein Eukalyptusbonbon nach Muskel- und Rheumasalbe und fahre so langsam in die Bremer Innenstadt wie noch nie, noch niemals zuvor. Aber auf meinem Gesicht liegt ein nahezu verklärtes Dauergrinsen. Weil ich’s geschafft habe – und weil unser Körper uns für so einen Blödsinn mit einem wahren Drogencocktail aus Schmerzmitteln, Heroinverwandten Substanzen und Glücklichmachern belohnt… ganz legal. Bewegen kann ich mich nicht so gut, aber irgendwie schwebe ich doch.

Und dann feiern wir. Ominös und lecker. Ich habe vegetarische Maultaschen und Salat und Pommes frites und Toblerone obendrauf.

Und das ist das Beste. Jede einzelne Kalorie davon habe ich bereits verbrannt. Ich darf das!

4 Gedanken zu „20

  1. Respekt! Ich ziehe meinen imaginären Hut seeehr tief! Und herzlichen Glückwunsch, so etwas beeindruckt mich zutiefst!

  2. seit meiner kindheit bin ich schreibenden menschen dankbar, mich dinge erleben zu lassen, ohne selbst tätig werden zu müssen. vielen dank für meinen ersten 20-km-lauf. 🙂

  3. Herzlichen Glückwunsch nochmal!
    Aber die große Frage, die ich mir stelle, ist: Woher weißt du das mit den 3.000 Rosinen?

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