Die brühmtesten Dramen der Welt

 

Wenn jemand die berühmtesten Dramen der Welt für die Gegenwart bearbeitet und dabei (verständlicherweise) radikal kürzt – dann schrillen bei mir sämtliche Alarmglocken. Sowas kann fulminant schiefgehen. Doppelt betroffen in diesem Fall Schiller mit „Wilhelm Tell“ und „Die Räuber“, Tschechow mit seinen „Drei Schwestern“, Goethe und „Faust“ fehlen selbstverständlich nicht, mit Beckett wird auf „Godot“ gewartet, Brecht und „Die Dreigroschenoper“ sind mit von der Partie, ebenso wie Lessings „Nathan“ und Shakespeare, ebenfalls doppelt aufgegriffen, mit „Hamlet“ und „Romeo und Julia“.

Da sind eine ganze Handvoll meiner Lieblingsautoren versammelt. Entsprechend kritisch näherte ich mich dieser Uraufführung aus der Feder von Tom Peuckert, seines Zeichens freier Autor, Theaterregisseur, Dokumentarfilmer und Hörspielautor. Tatsächlich aber sind ihm zwei Dinge gelungen.

Erstens hat er die Essenz des Inhaltes der Stücke erhalten, während er sie in gegenwärtige Situationen übertragen hat und zweitens ist es ihm gelungen in den Sprachduktus des jeweiligen Autors zu krabbeln… auf sehr respektvolle Weise, was deutlich für ihn spricht.

Angerichtet hat er eine Stücksammlung in kurzen Happen… und genauso wird sie auch serviert. Die erste Szene holt die Zuschauer gewissermaßen im Foyer ab, mitten zwischen Bar und Sitzmöbeln und mitten aus dem Blauen… die Darsteller treiben sich bereits die letzten 10 Minuten vor Vorstellungsbeginn unter ihnen und mit ihnen herum und dann beginnt einfach das erste Stück. Anschließend werden die Zuschauer in den Innenhof geleitet, wo sie die nächste Szene erwartet, bevor sie die Stauerei betreten. Dort bekommen sie transportable (und erstaunlich bequeme) Papphocker in die Hand gedrückt – denn obwohl alle weiteren Stücke an diesem Ort spielen sind die Zuschauer frei, ja eingeladen ihre Perspektive durch ihren Sitzplatz immer wieder zu verändern und sich neu zum Spielgeschehen zu positionieren.

Für uns Darsteller bedeutet das vorallem: unser Publikum verhält sich wie ein Schwarm, den wir leiten müssen. Jedes Mal neu, jedes Mal anders. Das Sofa muss von den drei Schwestern für die Dreigroschenoper umgestellt werden… ok, aber da, wo es hin soll sitzen vier Menschen auf Pappstühlen… und um unsere Gäste von dort woanders hinzubekommen, dafür gibt es natürlich keinen Text. Die Zuschauer sind überall, sollen sie auch sein und unsere Gänge müssen sich dem anpassen. Die Zuschauer formieren sich teilweise mit zum Bühnenbild und dass sie es tun und wie sie es tun, das obliegt unserem Charme und Geschick.

Ein Zurücklehnen auf Rollen und durchchoreografierte Szenen ist unmöglich, man muss wach sein, direkte Interaktion nicht nur aushalten, sondern auch anteilig neu herstellen, jeden Abend, situationsbezogen, aus organisatorischer Notwendigkeit und um das Publikum einzufangen, abzuholen, es einzubinden.

Patrick Schimanski, der für die Regie verantwortlich zeichnet, hat mit uns ein Gerüst gebaut von dem sich erwiesen hat, dass es tragfähig ist – es macht etwa 70% des Abends aus und verbleibt relativ unverändert. Die restlichen 30%, die Verbindungen und Überleitungen, die Publikumsführungen und –verführungen, die Partnerschaften mit den Zuschauern rund um uns herum, sind jedes Mal neu… und für mich ganz persönlich die eigentlich bereichernde Erfahrung. Dieses wachsein und interagieren müssen, das hat einen schönen Reiz und ist eine spannende Herausforderung.

Aber eine Befürchtung habe ich seit den Endproben, hatte ich bei der Premiere, habe ich in jeder Vorstellung. Wir beginnen mit „Wilhelm Tell“… es ist mein Vergnügen den „Gessler“ zu geben. Nach meiner Konfrontation mit dem schweizer Nationalhelden werde ich von ihm gewissenhaft verprügelt… wir haben draußen vor dem Foyerfenster zum Hof eine ganz wundervolle Kampfchoregrafie, Blut inklusive. Wenn die Zuschauer zur Szene im Hof geleitet werden, dann liege ich mit blutiger Nase ohnmächtig unter dem Fenster, die ganze Szene, bis die Zuschauer weiter in die Stauerei gehen. Dort finden dann weitere Szenen aus „Die Räuber“ statt und es ist meine Aufgabe irgendwann hereinzustürmen, eine Pistole zu zücken und Karl ins Jenseits zu befördern.

Für diesen Auftritt muss ich einmal rund um’s ganze Gebäude, eine Metalltür aufschließen und mich lautlos hinter einem Vorhang platzieren. Und jedes Mal, wenn ich entschlossenen Schrittes rund um’s Haus gehe, mit blutender Nase, zügig gehetzt, Schlüssel in der einen Hand, Pistole manchmal bereits in der anderen – dann hoffe ich inständig niemandem zu begegnen. Keinem Passanten, dem der Anblick sicher ein fragwürdiges abendliches Rätsel bescheren würde… und bitte, erst recht keiner Polizeistreife. Denn eines ist sicher: zu meinem Auftritt schaffe ich es dann wahrscheinlich eher nicht mehr rechtzeitig.

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