Jakob: «Ja zur Kultur in der Ostschweiz, bitte!»

Als ich 2012 zum vorsprechen nach St.Gallen fuhr betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben schweizer Boden. Ich wusste, außerhalb der gängigen Klischees, sehr wenig über das Land und noch weniger über St.Gallen. Als ich engagiert wurde holte ich beides vehement nach. Ich bin gewöhnt neue Städte zu entdecken, aber dieses Mal war es ein ganzes Land und meine Neugier schier grenzenlos.

Land, Stadt, Theater… ich wollte alles wissen. Über letzteres hat mich vor allem eine Tatsache sehr berührt. Das Theater St.Gallen gilt als das älteste bespielte Berufstheater der Schweiz. Man sollte das in Zürich erwarten, in Bern, Basel, in Genf, Lausanne… nein, es ist St.Gallen.

Und das fand ich wunderbar. Immer.

Das erste Laientheater entstand in St.Gallen bereits im Mittelalter, um das Jahr 900 herum. Aber 1801 entstand das Theater St.Gallen offiziell – und blieb. Es wanderte und hatte verschiedene Standorte. 1968 bekam es seine derzeitige Heimat… eine Betonarchitektur, die, zugegeben, nicht jedermanns Geschmack trifft. Ich mochte sie immer. Besonders seit ich wusste, dass dieses Gebäude einen Kniff verfolgt… es vermeidet rechte Winkel und gibt einem an vielen Stellen das Gefühl in einem M.C.Escher-Bild herumzulaufen.

Aber es ist in die Jahre gekommen und bedarf baulicher Verbesserungen… besonders für die Gewerke. Das ist vollkommen fraglos.

Die anstehende Renovierung wird Zeit brauchen und Geld kosten.

Wenn Kultur Geld braucht, besonders wenn sie Extrageld braucht, dann finden sich immer Menschen, oft Politiker, die die Chance ergreifen sie in Frage zu stellen. Ganz grundsätzlich. Lohnt sich das eigentlich? Ist das Kunst oder kann das weg? Oder ist das Kunst und kann trotzdem weg?

Kalkulationen werden aufgestellt. Das ist einerseits vernünftig, andererseits gefährlich. Denn was ein Theater für seine Stadt ist kann schwer beziffert werden. Es ist mit seiner Stadt verwoben. Je länger es dort bereits verweilt, je mehr. Es wird von seiner Stadt geprägt und es prägt seine Stadt. Oft über ihre Grenzen hinaus. Ökonomisch nennt man das „Umwegrentabilität“. Ein verdruckstes Wort, das nichts anderes beschreibt, als dass Theater weit mehr für seine Region erwirtschaftet als bloß die Summe seiner Eintrittskarten. Aber es geht um mehr als Ökonomie.

Etwa 450 Vorstellungen finden jährlich statt… nicht alle im Theater. Manche in Schulen, manche in Migros-Fillialen, manche in Chur, Baden, Visp oder Fribourg.

Über 150.000 Zuschauer aus dem gesamten Bodenseeraum sehen Vorstellungen des Theaters. Nur das Opernhaus Zürich und das Theater Basel hatten in der Spielzeit 2015/16 mehr Gäste.

Vor einigen Jahren verquatschte ich mich nach einer Vorstellung in der Lokremise mit einem Zuschauer. Es war eine schöne angeregte Unterhaltung, bis er sich bedauernd entschuldigte, er müsse seinen Zug nach Zürich kriegen.

Ich fragte warum er Zug fährt, in Zürich hätten sie ein Theater, ich sei da sehr sehr sicher. Er grinste breit und sagte, er käme schon seit Jahren lieber nach St.Gallen. Ich habe ihn mit “Bis bald.” verabschiedet.

Was ist ein Theater für seine Stadt, seine Region? Und was davon passt in Zahlen?

Theater ist auch Orchestermusiker, die Unterricht geben, Theater ist Jugendclub, Theater ist Tanzunterricht, Theater ist Lesungen im Café oder in Buchhandlungen, Theater ist auch Probenbesuch von Schulklassen, Theaterpädagogen und Schauspieler, die in die Klasse kommen vor oder nach dem Theaterbesuch, Theater ist Publikumsdiskussion, Theater ist ein beleuchteter Container voll mit Kunst und oft ein lokales joint venture auf vielen Ebenen. Theater ist manchmal Stadtgespräch und kontrovers, Theater ist politisch, Theater ist, wenn am Bühnenausgang Menschen auf die Darsteller warten und wenn man an der Supermarktkasse von der Dame vor einem gefragt wird was man für die nächsten Monate an Stücken empfehlen würde.

Theater ist persönlich. Zwischen Streaming, TV und Kino ist Theater das vielfach totgesagte, quicklebendigste und persönlichste Medium das Geschichten erzählt… und immer 3D.

Theater lebt in seiner Stadt und belebt seine Stadt. Es ist ein weitverzweigter Austausch, im großen und kleinen.

Die Renovierung des Theaters St.Gallen wird etwa 50 Millionen Franken kosten. Lediglich 9,5 Millionen davon werden von der Regierung als “wertvermehrend” angesehen.

Für die verbleibenden 40,5 Millionen Franken schlage ich daher vor ein anderes Wort zu nehmen: “werterhaltend”. Denn das Theater in St.Gallen hat einen Wert, hat ihn gegenwärtig, hat ihn seit über 200 Jahren. Und seine Renovierung erhält diesen Wert, bewahrt ihn für das Jetzt und für die Zukunft.

Manchmal ist sparen nicht Gewinn. Manchmal ist sparen schlicht Verlust. Denn ein Wert wird oft nicht dadurch ausgedrückt, dass er in Zahlen passt. Sondern dadurch, dass er stattfindet, dass er wirkt und dass er Teil des Lebens von Menschen ist.

Weiterführende Links:
Die Situation

Ein treffend interessanter Kommentar

https://ja-kob.ch/

Studie zur „Umwegrentabilität“ von kulturellen Eigenbetrieben, in Auftrag gegeben von der Stadt Leipzig

Copyright der Backstagebilder: Tine Edel aus ihrer wunderbaren Fotoarbeit „Vor dem Auftritt“ für das Theater St.Gallen

4 Gedanken zu „Jakob: «Ja zur Kultur in der Ostschweiz, bitte!»

  1. Es ist in allen Länder, Städten und Gemeinden gleich. Meist läuft die Kultur, Theater, Kino oder Ballett, samt einfacher Musikabende nur nebenbei. In der Schweiz wird es ähnlich sein. Wie hier wurde die Kultur in vergangenen Jahren sicher mit einem Minimum an Investitionen versorgt. Oder ich sage deutlich, man hat alles schlicht und einfach kaputt gespart. Dem Verfall zugeguckt, obwohl das Theater gute Arbeit leistete. Ein altes, bewährtes und ständig gut besuchtes Theater muss einer Stadt erhalten bleiben. Das gilt nicht nur für St. Gallen. 450 Vorstellungen sind schon ein ganzer Batzen und spricht dafür, das dieses Theater angenommen wird. Aber, allerdings sind 50 Millionen CHF ( ca. 42,6 Mio. Euro ) auch eine gewaltige Hausnummer. Da kann ich mir schon vorstellen, dass nachgefragt wird. Ist die Kultur, also das Theater diese Investition wert? Erfahrungsgemäß wird die Summe um ein vielfaches höher, erst recht bei einem älteren Gemäuer. Allerdings werden nun auch nicht neue Theater in dieser Größe neu gebaut. Auch neue Theater sind nun nicht immer die Garantie dafür, dass Geld verdient wird. Städtische Zuschüsse sind die Regel ( berechtigt!) Nicht jeder Politiker hat dafür aber Verständnis und plötzlich kommen Fragen hoch. Brauchen wir das Theater, kann das weg, kann das geschlossen werden und wenn, was machen wir dann mit dem Gebäude. Einfach abschließen wird ja wohl auch nicht in St. Gallen gehen. Nebenbei wird ja noch ein größeres Ensemble mit Menschen, die Arbeit haben und brauchen, dranhängen. Meine Meinung : Das Theater erhalten, solide kritische Finanzierung und nur Fachleute beauftragen, keine selbsternannten Helden der Bauwirtschaft. Aus eigener Erfahrung weiß ich ( Elbphilharmonie ) vorher ein gewaltiges Groschengrab und heute der Star in Hamburg. Alle haben nachträglich natürlich an der Erfolg geglaubt. Ich hoffe, dass in St. Gallen die Politiker mit Feingefühl agieren. Nach einer Renovierung kann es ja nur besser laufen! Und … man sagt doch, die Schweizer haben Geld, also voran!
    Berichte bitte, wie diese Story ausgeht.

    Liebe Grüße an Dich
    Brain

  2. Das Gute ist… die Schweiz ist ja das Land mit der weitreichensten direkten Demokratie der Welt. Das bedeutet: über die 50 Millionen Franken wird abgestimmt werden. Die Entscheidung liegt nicht in den Händen weniger Politikschaffender, sie gehört den Menschen. Irgendwie gibt mir das ein Gefühl der Zuversicht. Theater ist ein Ort für Menschen. Und mein Gefühl ist, dass die St.Galler ihr Theater mögen und für eine gute Sache halten.
    Wenn ich in Deutschland gesagt habe, dass ich Schauspieler bin, habe ich oft etwas gehört wie „Ach, ich sollte auch mal wieder ins Theater gehen.“. In St.Gallen fiel mir auf, dass ich dann eher etwas höre wie: „Ach Theater? Neulich habe ich mir das, das oder das angesehen.“.
    Es gibt aber noch mehr Gründe.
    Über 500 Menschen sind am Theater beschäftigt. Das sind Arbeitsplätze. Die Renovierung wird von lokalen Baubetrieben ausgeführt – das stützt Arbeitsplätze. Es ist also eine Investition in gleich mehrere Infrastrukturen. Zudem wird tatsächlich nur das nötigste gemacht, ein Neubau wäre unkontrollierbar teurer.
    Dein Argument mit den deutschen Theatern ist meiner Ansicht nach sehr richtig, da lohnt ein Blick aus der Schweiz über die Grenze. Theater schließen ist leicht. Aber wenn man dann merkt, dass das Theater einen städtischen Mehrwert kreiert hat, den man nicht auf der Rechnung hatte und nun verloren hat… dann ist es sehr schwer den Kahlschlag rückgängig zu machen. Der Kinokomplex auf der grünen Wiese kompensiert solche Entscheidungen nicht. Städtische Kultur braucht Nahrung von Menschen, die vor Ort sind. Und das ist genau das, was Theater leistet.

  3. Ja, wenn die Schweizer selbst entscheiden, könnte das mit der Investition klappen. Da wäre ich auch zuversichtlich. Letztendlich wird oft so viel Geld ausgegeben, teilweise sinnlos, dass die 50 Millionen für das Theater eigentlich nicht weiter auffallen. Das wird auch für die Schweiz gelten. Ich hatte die Arbeitsplätze nur so „nebenbei“ bedacht, aber 500 Menschen finde ich für ein Stadttheater beträchtlich. Das wären einige Schicksale, wenn man das Haus schließen würde. Wir sind uns ja auch einig, dass ein Kinokomplex, egal wie bequem ausgestattet, niemals eine Theatervorstellung live gespielt, ersetzen kann. Vermutlich hast du doch in deiner Zeit am Theater genügend Einblicke gehabt, ob das Theater angenommen wird und auch nach einer kostspieligen Renovierung eine Zukunft hat. Ich denke, du bist sehr verbunden mit dem Theater. Gehörst du noch zum Ensemble?
    Brain

  4. Nein, ich bin nicht mehr im Ensemble – aber das ist das einzige, was für mich bei Theatern (Achtung Wortspiel) keine Rolle spielt. 😉
    Du hast recht, ich kann wirklich sagen, dass ich mich allen Theatern, an denen ich jemals engagiert war, sehr verbunden fühle. Und das ist eigentlich ein ziemlich schöner Zustand. Ich finde, Theater sind generelle sehr besondere Orte… aber unter ihnen sind mir „meine“ halt besonders besonders.
    Du hast diesen Blog schon gelesen als vor Jahren dem Anhaltischen Theater die Schließung drohte, meinem ersten Festengagement, acht Jahre war ich dort. Der damalige Generealintendant André Bücker war großartig und zettelte mitreißende Protestaktionen an – und ich konnte nicht hin, weil ich völlig eingespannt war. Ich wäre am liebsten hinteleportiert… stattdessen musste ich mich damit begnügen flammende Plädoyers aus der Ferne zu schreiben. Dessau ist eine wirtschaftlich nicht Rosen gebettete Stadt, das Anhaltische Theater musste immer kämpfen und hat es immer auf ganzer Linie und mit Ideen und Charme getan. Deswegen sind ja die Menschen auf die Straßen gegangen, als es geschlossen werden sollte.
    Damals hätte ich mir gewünscht, dass sie gefragt werden.
    In St.Gallen ist es so.
    Ich möchte nichts beschreien, was später schief geht. Das ist meine Lehre aus 2016 – als ich Unsummen darauf verwettet hätte das Trump NICHT Präsident wird. Aber mein Gefühl und mein Eindruck aus vier Jahren im Ensemble ist, dass das Theater St.Gallen einen Platz hat in dieser Stadt und die allermeisten Menschen es als einen lokalen Wert betrachten. Es schätzen. Es besuchen. Sich interessieren. Sich auch identifizieren.
    Mein Gefühl ist, dass sie nicht darauf verzichten wollen würden, wenn man sie fragt – und in der Schweiz fragt man sie eben.
    Ich bin, mit leichter Vorsicht, sehr optimistisch.

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