Cannes doch nicht wahr sein

Lars von Trier ist zurück… er kann wieder nach Cannes. Wie schön.

2011 wegen Verständnisbekundungen für Adolf Hitler und abstrus verwirrter Selbstdeklaration als “Nazi” zur „persona non grata“ erklärt und von der Croisette verbannt, darf er nunmehr dieses Jahr seine Serienmördergeschichte “The House that Jack Built” ausser Konkurrenz präsentieren.

Genießen wir doch noch einmal die wahrscheinlich krudeste Pressekonferenz, die das Festival je zu verzeichnen hatte.

Und genießen wir dabei besonders die Körpersprache und Mimik von Kirsten Dunst, die neben dem zusammenhanglos faselnden dänischen Regisseur – wie wahrscheinlich alle ihre Kolleginnen und Kollegen – gerne in jedem Graben versunken wäre… hätte sich gnädig einer aufgetan.

Also darf er wieder nach Cannes, darf sich wieder erläutern, seine Fingerknöchel wieder mit “FUCK” bemalen und sich überlegen, ob er sein T-Shirt mit dem Aufdruck der Goldenen Palme und dem Schriftzug „persona non grata“, mit dem er über die Berlinale stolzierte, für das Festival nochmal hervorkramt.

Serienmörder also, nun gut. Der Film ist hochkarätig besetzt, wie üblich. Wahrscheinlich werden seine Bilder zudem tadellos durchoptimiert sein. Auch üblich. Lars von Trier Filme pflegen die stilistisch entführende Bildkomposition von Diorwerbespots schließlich über Spielfilmlänge durchzuhalten.

Selbstverständlich gesellschaftskritisch gehaltvoller.

Wird es wieder durchmechanisierten, emotionslos zersplitterten Sex geben? Werden sich wieder erklägliche Mengen Blut fotogen über nackte weibliche Haut ergießen? Wird die Gefühllosigkeit unserer Gesellschaft sich wieder in Traumsequenzen zur fotografischen Schönheit erheben? Und die Vereinsamung dekonstruierter Charaktere begründen welche Qualen sie auf der Suche nach irgendwas über sich und andere bringen? Wird ein Fegefeuer wieder Lösung sein?

Falls es noch nicht aufgefallen ist… ich bin kein Fan.

Das liegt nicht an seiner Bildsprache. Das liegt ausdrücklich nicht an der Leistung seiner Darsteller. Und das liegt ganz sicher nicht daran, dass ich zartbesaitet bin.

Zum Vergleich… ich bete die Arbeit von David Lynch an. Er ist mein Gott der Bilder. Ich verehre seine visuelle Sprache. Aber sie ist stets das Transportmittel einer sich verwandelnden Geschichte. Sie umschließt Brutalität und Güte, Schock und Humor, sie kann zart und kalt sein, sie bildet Figuren in unvorhersehbaren Facetten ab und führt sie durch Entwicklungen in denen Tragik und Schonungslosigkeit dadurch enstehen, dass sie eine Wahl hätten – und sie nicht nutzen.
Ich lache und schmunzle in David Lynch Filmen… oft und viel. Bis er dafür sorgt, dass jedes Lächeln erfriert.

Seine Menschen bleiben gefährlich unberechenbar und man traut ihnen alles zu… im guten wie schlechten.

Lars von Trier Filme sind wie eine optisch aufgelöste Psychotherapie, die absehbar schieflaufen wird. Es gibt keine Hoffnung, höchstens Flucht vor dem unabwendbaren. Und die zu klärende Frage im Film ist eigentlich nur: “Wie und wie sehr geht’s schief?”. Denn die Welt ist ein qualvolles Jammertal, das vorgeführt, aufgeführt wird.

Absehbarer zelebrierter Schmerz, kunstvoll eingepackt.

Geplante Schockeffekte, die man nicht ewig steigern kann und bei denen ich mich vor allem vor den Spezialeffekten der Maske verneige – aber das tue ich bei “The Walking Dead” auch.

Was soll’s – holt die rostige Schere ‘raus, es muss doch noch was abzusäbeln geben… über das jene cineastische Feinschmecker anschließend kontrovers diskutieren können, die sonst bei der kleinsten Blutlache Zeter und Mordio schreien.

Er langweilt mich, kunstvoll und absichtsvoll provokant. Und Cannes kann nicht genug kriegen davon.

Dabei müsste man sich nur mal in seiner Verwandschaft umschauen.

Im September 2017 feierte Joachim Triers Film “Thelma” eine vom Mainstream-Kino zu Unrecht relativ unbeachtete Premiere.

Die norwegische Produktion ist unfassbar gut besetzt, besticht mit soghaften Bildern und entwickelt ganz langsam, sanft, fast liebevoll ein zwischenmenschliches Grauen in dem alle schuldig sind – und niemand. Die kalte, ruhige und nüchterne Beiläufigkeit, das nachdrückliche Spiel aller und die übergeordnete Schönheit der Bilder gestalten einen Kopf und Gedanken zwingenden Film – der in Cannes ohne weiteres verdient hätte gezeigt werden können.

Wenn man einen Trier will, dann hätte man auch diese Wahl treffen können.

Aber Cannes möchte Lars von Trier. Denn der Schmerz ist ein dunkler Wald und das Filmfestival vermisst seinen Förster.

8 Gedanken zu „Cannes doch nicht wahr sein

  1. Gutes Video über Lynchs Verhältis zu Sprache, Worten, Benennungen, Übersetzungen, Einengungen:
    https://www.youtube.com/watch?v=ffllV6-aqWU&feature=youtu.be
    Lynch ist ein Meister der Bilder, Sprache immer sein letztes Mittel.
    Und deswegen erklärt er sich und seine Arbeit so ungern in Sprache.
    Schwer sich so eine Pressekonferenz mit ihm vorzustellen.
    Er wirkt immer so, als würde er Worten misstrauen, weil sie etwas festlegen können, was er nicht sagen wollte.
    Bilder lasse ihm und allen Betrachtern die Freiheit, die er wohl haben möchte. Vielleicht entsteht daraus die Klarheit und die gleichzeitige Rätselhaftigkeit.
    Also ja, definitiv auch ein Fan hier.

  2. Das ist eine gute Beschreibung. Sowohl die Sichtweise im Video, als auch Deine.
    Ich hab‘ ein schönes Video von ihm… schon vor längerer Zeit gesehen, als „Twin Peaks“ in die Fortsetzung ging und gerade nochmal herausgesucht. Da spricht er darüber, wie Ideen entstehen. Er spricht von ihnen fast als wären sie eigenständige Wesen, die die Freundlichkeit besitzen sich irgendwann in unseren Gehirnen einzufinden. Ganz feinsinnig, ganz respektvoll.
    https://www.youtube.com/watch?v=Fxr-7O1Bfxg
    Lynch gibt mir, zwischen allem Horror und Abgrund, immer das Gefühl, der Grund für seine Arbeit ist, dass er liebt, was er tut. Und dass er es deswegen aus seiner Sicht erzählt.
    Von Trier erweckt in mir das Gefühl, dass er hasst, was er erzählt. Ich merke in seinen Filmen meistens sehr schnell worauf es hinausläuft. Und dann bin ich für den Rest des Filmes gelangweilt. Weil es nur noch um die Wahl der Mittel geht, aber inhaltlich ist es klar.
    David Lynch lässt mich hoffen, deprimiert mich, amüsiert mich, fällt mir dann in den Rücken, weckt in mir Sympathien für Figuren, die ich am Ende grauenvoll finde und umgekehrt.
    Ich mag Erzählende, die mich in der Luft halten.

  3. Meine Oma hat immer gesagt: „Watt de Bur nich‘ kennt, dat fritt er nich.“
    Also versuche ich etwas zu kennen, bevor ich es „nicht fresse“. Ich frage mich auch warum mir Dinge nicht schmecken. Oft deklarieren wir Dinge als „mag ich nicht“ – gerade weil sie uns besonders gut treffen und wir eine Ausrede brauchen uns nicht damit zu beschäftigen.
    Wenn ich also etwas ablehne und nicht genau beschreiben kann, wieso… dann ist es wahrscheinlich, dass ich mich sogar genauer damit beschäftige. Bei Filmemachern heißt das: Filme gucken.
    Also habe ich eine erklägliche Anzahl seiner Filme konsumiert, bevor ich sagen konnte: Nee, brauche ich wirklich nicht… und zwar weil…
    Ich finde übrigens auch nicht, dass Filmschaffende Symapthieträger sein müssen. Aber er spielt das enfant terrible nicht einmal gut und mit raffinẹsse. Und schlechte performance mag ich wirklich nicht.
    Also kommt da eins zum anderen.

  4. Lars von Trier recently said his film “celebrates the idea that life is evil and soulless”. So there should be no surprises. Your post nailed it. Brace, Cannes, brace.
    To mention casually – english version?

  5. @Katrin
    Wahr. Aus dem Norden kommen aber auch echt gute Serien und Filme. Die skandinavische Filmindustrie besetzt einfach weniger gestyled. Interessantere Typen, größere Altersbreite der Darsteller, nicht so modisch. Da sind die Nordlichter einfach mutiger. Tolle Drehbücher, oft morbide Ästhetik, so kriegt man mich halt. Aber nicht immer.

    @Frances
    His words? Realy? That’s my point. Aka… what’s the point?
    Celebrating is easy, celebrating is running with it. Showing it, making it look beautifull. That’s too simple.
    Dealing with it… fighting it… surviving it. Celebrating is one dimension only. The one way street of storytelling. What’s the point in characters standing no chance? Why be interested in their story? They are going to end up terrible anyway.
    (To reply casually – google translate seems to do a pretty decent job. You got it right, didn’t you? 🙂 )

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