Wir müssen reden – das Heidelberger Theater diskutiert

In den 60iger Jahren unterzog William Randolph Lovelace II eine Auswahl von Kandidatinnen den gleichen Tests, die auch von den männlichen Astronauten der NASA bestanden werden mussten.
Alle Kandidatinnen waren ausgebildete, erfahrene Pilotinnen, alle hatten akademische Abschlüsse.
Dreizehn Frauen, die “Mercury 13” bestanden alle Tests, einige mit besseren Ergebnissen als ihre männlichen Konkurrenten.

Keine wurde von der NASA in ihr Raumfahrtprogramm aufgenommen.

In einer Senatsanhörung wurde festgestellt, dass sie den NASA-Ansprüchen nicht genügen könnten. John Glenn, den die NASA ohne den eigentlich erforderlichen Collegeabschluss aufgenommen hatte, bemerkte dazu:
„The fact that women are not in this field is a fact of our social order.“

Is it?

2017 rekrutierte die NASA zuletzt neue Mitglieder für ihr Astronautenchor. Zwölf handverlesene Neulinge wurden ausgesucht – sechs Männer und sechs Frauen.
Die NASA hat diese Wahl nicht getroffen, weil sie urplötzlich Geschlechtergleichstellung für sich entdeckte. Sie hat sie aus Eigennutz getroffen …weil inzwischen jahrzehntelange Erfahrung und ihre eigenen Studien besagen, dass gemischte Missionsteams am erfolgreichsten sind.

Es hat sich also was getan.
Aber was ist zu tun übrig?
Und warum tun wir uns damit so schwer?

Warum explodiert die Kommentarseite von SPIEGEL Online, wenn eine Rentnerin von ihrer Bank erwartet “Kundin” genannt zu werden, statt “Kunde”. Warum echauffieren sich dort Leser… die selbst wahrscheinlich verwundert wären “Leserin” genannt zu werden?

Warum sprechen Männer und sogar Journalisten im Zusammenhang mit der MeToo-Bewegung von einer “Hexenjagd” und vergessen dabei vollkommen, dass dieser Begriff eben nicht die Ungerechtigkeit der Verfolgung von Männern durch Frauen beschreibt – sondern umgekehrt?

Warum sind es oftmals gerade starke Frauen, die finden, klar, strafbares Verhalten müsse geahndet werden, aber gegen den Alltagssexismus könne man sich doch wehren …statt zu fragen, wieso Frauen sich überhaupt wehren können müssen?

Island hat ungleiche Löhne für gleiche Arbeit seit Anfang dieses Jahres schlicht und einfach mal gesetzlich verboten.
Deutschland hat eine Kanzlerin, aber eine Lohnungleicheit von satten 21%. Wieso?

Männer und Frauen sind nicht gleich.

Aber bedingen biologische Unterschiede ernsthaft unterschiedliche Rechte?

Menschenrechte haben kein Geschlecht… wieso tun wir uns dann so schwer mit der politischen und gesellschaftlichen Umsetzung der logischen Konsequenz daraus?

Warum spricht man immer noch vom starken Geschlecht und meint Männer? Und vom schönen Geschlecht und meint Frauen?

Sind Männer nicht schön?
Sind Frauen nicht stark?
Was ist eigentlich stark?

Und wer legt das fest?

Albert Einstein hat gesagt: „Jeder ist ein Genie! Aber wenn Du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.“

Vielleicht müssen wir einfach allen ihre Stärken erlauben – und allen ihre Schwächen?
Schön sein müssen ist Stress. Stark sein müssen auch.
Warum tun wir uns diese Klischees an?
Was unterscheidet uns tatsächlich? Was verbindet uns?

Und vor allem… was könnten wir erreichen, wenn wir all das geschickter kombinieren als immer noch bestehende Geschlechterstereotype uns lassen?

Das Theater Heidelberg redet darüber… beim Sonntagsfrühstück.

In seiner Diskussionsreihe “5 vor 12” stellen Ensemblemitglieder politische und gesellschaftliche Texte vor – die anschließend in kleiner Tischrunde und persönlichem Rahmen diskutiert und verfrühstückt werden.

Diesen Sonntag nehmen wir uns die Frage vor: “Genderhysterie oder überfällige Gerechtigkeit?”. Ich lese einen der Texte – über Hormone und was sie in unseren Körpern anstellen – oder eben auch nicht und wir denken bloß, dass sie es tun.

Kommen Sie vorbei – lassen Sie uns reden.

Treffpunkt: Sonntag, 3.Juni 2018 / 11.55h am Bühneneingang

Eintritt frei. Stattdessen wird um einen kulinarischen Beitrag für’s Buffet gebeten. Die Getränke gehen auf’s Haus.

3 Gedanken zu „Wir müssen reden – das Heidelberger Theater diskutiert

  1. Wie du weißt, bin ich schon ein älteres Semester und startete meine berufliche Laufbahn in den 70 er Jahren. Ich kenne alle diese Sprüche aus meinem polizeilichen Bereich, aus eigener Erfahrung, wo man damals aus Überzeugung ganz offen behauptete, Frauen dürfen/können keine Waffen tragen und Streifenwagen mit Blaulicht fahren schon gar nicht. Heute ?? Alles Unsinn von gestern und deshalb würden wir ohne unsere Frauen dumm da stehen. Klar sage ich aber, dass Frauen heute alles erreichen können, wenn sie denn qualifiziert sind und es wollen. Selbstbewusste Frauen brauchen keine Quoten, die gesetzlich geregelt werden. Wer möchte eine Quotenfrau sein? Wagt denn selbst der größte Macho unter den Fluggästen die Qualifikation einer Boeing 747 Pilotin in Frage zu stellen? Und … die Nasa hat auch schon aufgeholt und bei der US – Luftwaffe sitzen mehr Frauen in Kampfjets als man denkt. Kritisiere ich meine Ärztin, oder bezweifel ihr Können, wenn sie mich am offenen Herzen operiert? Eher nicht! Wenn ich als Mann darüber ernsthaft und im Geheimen nachdenke, habe ich aber auch das beschleichende Gefühl, ich / wir werden nur noch von Frauen regiert. Darf ich das überhaupt laut sagen? Guckt euch mal bei den mächtigen Politikerinnen um, sogar weltweit. Die neuste Schlagzeile in Hamburg? Zu wenig „männliche“ Staatsanwälte! Frauen überrunden alle Einstellungsquoten, ganz offen in der Presse gesagt, weil sie einfach schlauer sind. Brauchen wir einen Männerbeauftragten? Eines steht auch fest. Jeder hat Schwächen/Stärken, Männer wie Frauen, aber darüber denke ich eigentlich nicht besonders nach, auch nicht über schön oder durchschnittliches Aussehen. Bildhübsch und dumm bringt keinen weiter! Ich nehme im Alltagsleben auch den „fraulichen“ Mann, oder die „männliche“ Frau einfach so hin und beurteile zuerst die menschlichen Seiten. Eine maskuline Frau finde ich im Berufsleben sogar sehr interessant. Meine Erfahrungen waren auf beiden Seiten nie negativ und ich kenne sehr viele Charaktere. Ich denke, wir sind doch in Deutschland auf einem guten Wege, alles vernünftig zu kombinieren. Werden Frauen tatsächlich offen benachteiligt? Verbesserungen sind immer möglich und wunschlos glücklich kann es nie geben. Ja, und zum Abschluss: Dein Text über die „Hormone“ würde mich interessieren.

    LG Brain

  2. Hallo Brain,

    das Problem heute ist in der Tat, dass Benachteiligung von Frauen nicht mehr offen, sondern subtil stattfindet. Nicht selten auch einfach aufgrund gewachsener Strukturen, die nicht plötzlich veränderbar sind, sondern nach und nach ausgehebelt werden müssen. Solche Strukturen lassen sich nicht durch individuelle Stärke oder Qualifikation aushebeln, sondern sind ein kollektives, also gesellschaftliches Erbe eines jahrhundertelangen Patriacharts. Deswegen gibt es noch immer – aus meiner Sicht zurecht- Frauenquoten.
    Ich weiß, dass solche Quotenregeln manchmal ziemlich absurde Ausläufer annehmen, und man muß natürlich aufpassen, dass Menschen einen Posten nicht nur deswegen bekommen, weil sie Frauen sind. Ich halte aber generell die Quote für ein gutes Instrument, patriachale Strukturen zugunsten einer Chancengleichheit zu verändern und bin überzeugt, dass wir sie auch heute noch in manchen Bereichen brauchen. (Übrigens finde ich auch eine Männerquote in frauenlastigen Bereichen wie dem Erzieherberuf sinnvoll)

    Im Moment haben wir zwar eine wesentlich bessere Situation als etwa in den 60er und 70er Jahren und sind daher auf einem guten Weg. Da hast Du recht. Und ich finde, wie Du, dass die bereits erreichten Fortschritte ein hohes Gut sind, über das man sich ruhig mal uneingeschränkt freuen darf.

    Gleichzeitig gibt es aber auch eine, interessanterweise gerade von Frauen forcierte, Gegenbewegung, die bestenfalls verleugnet, dass nach wie vor Handlungsbedarf besteht und schlimmstenfalls sogar bereits Erreichtes wieder rückgängig machen und zurück zu alten Rollenklischees führen will.
    Diese Haltung unterstreichen diese Rechtspopulistinnen gerne mal , indem sie Frauenrechtlerinnen zu „Kampfemanzen“ und „Männerhasserinnen“ deklarieren, was allein schon deswegen völliger Bullshit ist, weil auch Männer von Gleichberechtigung profitieren. Zum Beispiel hat sich erfreulicherweise die Zeit, die Väter mit ihren Kindern verbringen, in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt auch der Frauenbewegung geschuldet und ein Gewinn für alle Beteiligten.

    Trotz dieser positiven Entwicklung erntet zu Beispiel ein Vater, dessen Kind nach einer Trennung bei ihm aufwächst, viel Lob und Bewunderung. Bei einer Mutter in der gleichen Situation betrachtet man es als selbstverständlich, dass sie die Kinder nach der Trennung zu sich nimmt. Naja, und die Mütter, deren Kinder den Lebensmittelpunkt nach der Trennung beim Vater haben … das sind nach wie vor die Egomaninen der Nation, die zugunsten ihrer eigenen Interessen ihre Kinder „im Stich lassen“. Ein Verbleib beim Vater wird da nach wie vor nicht selten mit einem Aussetzen in Afghanistan gleichgesetzt.

    Das ist nur eines von unzähligen Beispielen, wo noch immer ein gesellschaftlicher Konsens darüber besteht, dass es Geschlechterrollen geben soll und muss. Deswegen bin ich überzeugt, dass der Weg hin zu Chancengleichheit und Gleichbehandlung noch nicht abgeschlossen ist.

  3. Hallo Ester,
    in den Grundzügen stimmen wir ja überein. Wenn wir uns einzelne Themen heraussuchen würden, gibt es hier ellenlange Diskussionen, die nur ergeben, dass wir auf dem richtigen Weg sind und noch einiges verbessert werden kann. Aber, ein Thema: Männer bleiben z.B. zur Erziehung der Kinder meist dann zu Hause, wenn die Ehefrau erheblich mehr verdient und eine entsprechende Funktion inne hat!! Ich denke durchaus objektiv, aber als Mann eben. Das Gesamtthema wird übertrieben und auch hier habe ich den Eindruck, dass es den Regierungsparteien nur noch um Frauen und deren Rechte geht. Es gibt auch andere Themen! Die politischen Reden dazu kann ich mir oft nicht mehr anhören.Da bin ich auch nicht allein. Ich muss auch noch einen Punkt anführen! Die Politikerinnen, ich habe mich mit einigen ausführlich beschäftigt, die hier die großen Reden zur Frauengleichheit schwingen, haben nie in ihrem Leben irgendwo fest gearbeitet. Gleich in den Bundestag oder noch verwerflicher ins EU – Parlament und damit die eigenen Ideen verwirklichen.
    Teilweise habe ich den Eindruck, dass diese Damen politisch völlig verwirrt sind. In unserem Land können qualifizierte Frauen alles werden, von der Bundesrichterin bis zur Ärztin usw. Bestreiten wird das wohl kaum jemand.
    In diesem Sinne…

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