Vergessen Sie Netflix! – Heute astronomisches binge-watching!

Wer heute Abend nicht in den Nachthimmel schaut, der muss sich bloß bis ins 22. Jahrhundert gedulden, bevor er wieder etwas vergleichbares zu sehen bekommt.

Und da das hier ein Theaterblog ist, behandeln wir Astronomie doch einfach einmal als das, was Astronomie ist – die spektakulärste Aufführung, die es im Freilicht so gibt. Vollgestopft mit überdimensional dramatischen Effekten und einer unglaublich beeindruckenden visuellen Sprache.

Beginn der Vorstellung: gegen 20 Uhr 58 (MESZ)

1. Akt: (Auftritt – Mond und Sonne)

Wenn der Mond über dem Horizont erscheint befindet er sich bereits weit im Kernschatten unseres eigenen Planeten und wird als gleißende schmale Sichel sichtbar.
Grund dafür ist die Reihenfolge der astronomischen Objekte von der Sonne aus betrachtet, die sich kurz so darstellen lässt:

Sonne ———> Mond ———> Erde  =  Sonnenfinsternis

Sonne ———> Erde ———> Mond  =  Mondfinsternis

Mond ———> Sonne ———> Erde  =  ähm, Houston, we have a problem!

21 Uhr 30 – Beginn der Totalität, in der das Sonnenlicht den Mond nur noch indirekt beleuchten kann, weil er vollständig im Schatten unseres Planeten liegt.

Dabei passiert das Sonnenlicht die tieferen Schichten unserer Atmosphäre, bevor es in den Kernschatten abgelenkt wird und den Mond trifft.
Langwelliges Licht, also vor allem der orange bis rötliche Anteil, schafft das besonders gut und färbt so unseren Trabanten in sein bräunlich – rötliches – mystisches Kostüm.
23 Uhr 13 endet die Totalität und der nach rechts wandernde Kernschatten gibt langsam den weiß strahlenden Mond wieder frei.

2. Akt: (Auftritt Mars)

Alle zwei Jahre wird der rote Planeten mit Sonden der neugierigen Menschheit beschickt, denn dann steht er in Opposition zur Erde. Das passiert, wenn die Erde den Mars auf ihrer eigenen engeren Umlaufbahn überholt. Heute Nacht sind alle drei Darsteller mit dem Theater Erde auf einer Linie… wir haben also:

Sonne —> Erde —> Mond —> Mars

Dabei kommt der, nach heutigem Wissensstand, einzige Planet, der ausschließlich von Robotern bewohnt wird, dem Heimatplaneten seiner Bewohner am nächsten… und dieses Jahr so nah wie seit 2003 nicht mehr.

Damals landeten dort die NASA-Rover “Spirit” und “Opportunity” – gegenwärtig befindet sich “InSight” im Anflug.
Niedliche 7 Monate wird die Sonde brauchen um ihr Ziel Ende November zu erreichen. Das sind satte 3 Monate weniger als in anderen Oppositionsjahren.

Der abgedunkelte Mond rückt den nahen, und deswegen bedeutend größer sichtbaren, roten Planeten in dieser Nacht besonders strahlend ins Rampenlicht.

Wenn man sich vom Mond aus eine gerade Linie nach unten denkt und diese nur wenige Grad nach rechts verschiebt – dann findet man unseren rötlich leuchtenden Nachbarplaneten heute ganz mühelos.

3. Akt: (Auftritt – Internationale Raumstation ISS)

Auch die Raumfahrt lässt es sich nicht nehmen dem heutigen Spektakel einen Gastauftritt beizusteuern.

                                 –> ISS –>
Sonne –> Erde                          Mond –> Mars

In St.Gallen erscheint die Fußballfeldgroße Station um 22 Uhr 34 am Nachthimmel und und rast dann als leuchtender Punkt mit 28.000 Stundenkilometern 4 Minuten lang von Nordwest nach Ostnordost.

Gegen 00 Uhr 19 wird der Mond dann den Kernschatten vollständig verlassen haben, 71 Minuten später auch den Halbschatten, der ihn noch eine Weile mit einem rötlichen Schleier überzogen hat.

Theaterkassen:
Im Großraum Zürich haben die Urania-Sternwarte sowie die Sternwarten in Bülach, Rümlang und Winterthur am Abend der Mondfinsternis geöffnet.
Es darf als sicher angenommen werden, dass sie nicht die einzigen sind.
Von wo immer aus Sie also das hier lesen – wenden Sie sich vertrauensvoll an die Sternwarte in Ihrer Nähe!

Wer mehr etwas für freie Platzwahl übrig hat sollte folgendes beachten:

– Wählen Sie einen Ort mit möglichst geringer Lichtverschmutzung, abseits von direkt oder indirekt einfallenden Lichtquellen.

– Bevorzugen Sie Orte mit freier Sicht nach Südost und Südsüdost. Die ISS kommt zwar woanders her, aber sie wird hoch genug fliegen, die sehen Sie ohnehin.

– Packen Sie eine Decke ein! In der Luxusvariante auch eine Liege oder einen Klappstuhl mit verstellbarer Lehne. Diese Aufführung findet mehrere Stunden lang über Ihnen statt – man genießt sie am komfortabelsten liegend, Ihr Nacken wird es Ihnen danken.

Pause: keine.

Einlass: jederzeit, auch nach Vorstellungsbeginn.

Ich wünsche außerordentlich viel Vergnügen!

Weiterführende Links:

Was ist was und wo ist es am Himmel zu finden – Stellarium …eine quelloffene, plattformübergreifende, freie Planetarium-Software in 3D.

Spot the station – wann die Internationale Raumstation wo wie lange zu sehen ist.

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