„Are you really who you say you are?“ – J.T. LeRoy

Stell‘ dir vor, du schreibst ein Buch. Es ist fiktional, aber emotional sehr persönlich. Deswegen veröffentlichst du es nicht unter deinem Namen, sondern kreierst einen Avatar. Und hinten auf das Buch tust du einfach das Bild eines jungen Typen, der dir gut gefällt.

Das Buch wird ein Bestseller.

Jetzt wollen die Leute den Autoren kennen lernen. Aber Du bist kein Autor, Du bist eine Autorin. Und du siehst nicht einmal ansatzweise so aus, wie der Typ auf dem Foto.
Wie es der Zufall will kommt aber gerade die Halbschwester deines Freundes neu in die Stadt – und sie könnte als dieser Typ durchgehen. Also staffierst du sie aus, mit allem, was der Kleiderschrank und künstliche Haarpracht hergibt …und stellst sie der Presse vor.
Und die Leute lieben ihn…. also sie… als ihn.
Hollywood fängt an sich für die Filmrechte zu interessieren und Prominente rechts und links können gar nicht genug bekommen von diesem exzentrischen jungen Mann… also der Frau…. als Mann.

Hanebüchen? Kannste dir nicht ausdenken?

Musst du auch nicht. Denn das ist so passiert.

Die Geschichte von J.T. LeRoy ist abenteuerlich und bereits literarisch und dokumentarfilmerisch aufgearbeitet. Es fehlte ein Spielfilm. Im Juli 2017 begannen die Dreharbeiten und ungefähr seitdem freue ich mich auch auf diesen Film. Wie ich seit heute weiß… zu recht.
J.T. LeRoy“ beginnt mit einem Oscar Wilde Zitat:

„The truth is rarely pure and never simple.“

Das Zitat ist gut gewählt. Denn „J.T. LeRoy“ ist vor allem ein Film über Menschen, die etwas suchen – meistens sich selbst. Und das ist niemals einfach. Es ist ein Film über Manipulation, über Wünsche und Verlangen, über Erwartungen und was passiert, wenn man diesen Erwartungen eine leere Leinwand gibt, auf die jeder sie nach seinem Belieben projizieren kann.

Der Film hat eine durch die Bank fantastische Besetzung, vor allem aber wird er von gegensätzlichen und vielschichtigen Frauenrollen getragen.

Allen voran Kristen Stewart – dank „Twilight“ eine der unterschätztesten Schauspielerinnen Hollywoods.
Dabei arbeitet sie seit 20 Jahren und „J.T. LeRoy“ ist ihr 40igster Film. Ich habe 34 davon gesehen und weiß, was sie kann. Aber in diesem Film hat sie mich ehrlich gesagt noch einmal umgehauen.
Niemand hat das besser in Worte gefasst als Christopher Schobert, der schrieb:

Kristen Stewart war noch nie so natürlich, ungeschützt oder so authentisch faszinierend auf der Leinwand wie in J.T. LeRoy. Als Savannah Knoop, der berüchtigte „Körper“ des nicht existierenden Autors J.T. LeRoy, ist Stewart verletzlich, witzig und verwundet. Doch sie ist auch nonchalant charismatisch und zeigt, wie und warum der Anblick des ruhigen, Perücke tragenden LeRoy so zutiefst verlockend für eine Welt war, die sich nach einem Geheimnis sehnt.

Das ist absolut treffend beschrieben. Tatsächlich ist das, was sie spielt so fein, so fragil, so detailgenau, dass sich eine Art Magnetismus entwickelt, der einen an ihrem Charakter kleben lässt.

Laura Dern – oh my God, where do I begin.. wer noch nicht Fan ist, kann es jetzt werden. Sie ist eine unwiderstehliche Klaviatur von Gefühlen, verschoben und waghalsig, grenzgängerisch, suchend. Ihre Figur zettelt das ganze Chaos erst an. Trotzdem gelingt es Dern in dieser absehbar katastrophalen Manipulation ebenso unausweichlich wie unschuldig zu sein. Sie ist zum niederknien großartig, verschmitzt, hinreißend und ihre Darstellung ist so einnehmend, dass man versteht, warum Savannah Knoop sich darauf eingelassen hat 6 Jahre lang J.T. LeRoy zu sein.

2017 gewann Diane Kruger in Cannes die goldene Palme für ihre herausragende Darstellung in „Aus dem Nichts“. Dieser an sich schon nervenzerfetzende und abendfüllende Vorgang scheint sie trotzdem nicht ausgelastet zu haben, denn zusätzlich sind einige ihrer Filmszenen in „J.T. LeRoy“ dort entstanden.
Ihre Figur ist eine weitere Manipulativkraft, die an der Titelfigur des Films zerrt. Die Darstellung der Schauspielerin/Regisseurin Eva, die mit verführerischen Mitteln nach den Filmrechten für das Buch jagt, könnte unglaublich schief gehen und in stereotyper Schmerzhaftigkeit versinken.
Aber alle Darsteller dieses Film meiden Klischees überaus sorgfältig und Diane Kruger ist da keine Ausnahme. Sie wechselt scheinbar mühelos zwischen Egozentrik, Strategie, Eigennutz, Sanftheit, Charme, strahlender Attraktivität, Charisma und Temperament – in zwei Sprachen.

Und als wären das nicht schon genug sehenswerte Frauen auf der Besetzungsliste eines Films – nein, da ist auch noch Courtney Love, punktgenau gecastet als Hollywoodproduzentin. Glamourös, lässig raumeinnehmend, unvermeidlich naturgesetzmäßig sexy – eben Courtney Love.

Regisseur Justin Kelly (der zusammen mit Savannah Knoop auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet) hat einen Film geschaffen, den man am besten mit „character driven“ beschreiben kann. Es sind seine Menschen, die einen mitnehmen, leichtfüßig, oft lächelnd, berührend.
In einer Industrie, die ihre Filme in immer kürzer werdende Sequenzen zerschneidet um ihnen Zug zu verleihen, erlaubt Kelly einen fast zärtlichen ruhigen Blick auf um sich selbst kreiselnde Menschen, die ins schleudern geraten wenn sie kollidieren. Es ist ein Film über Identität – ihre Abwesenheit, die Suche danach und ihre Veränderlichkeit. Es ist ein Film über die Wechselwirkung von Wünschen.

Vor allem aber ist der Film eine Liebeserklärung an das Geschichten erzählen. Geschichten von Menschen.

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Wie viele Independent Filme hat „J.T. LeRoy“ ein etwas komplizierteres Release-Model. Er ist heute in ausgewählten Kinos in Amerika gestartet, aber seit gestern on demand & digital weltweit HIER verfügbar.

Ich habe ihn original gesehen ohne Untertitel. Er wird nicht in Synchronfassungen angeboten werden, ich gehe aber davon aus, dass Untertitel in so gut wie allen Sprachen möglich sind.

Das Erscheinungsdatum für DVD und Blue-Ray stand zum Zeitpunkt dieses Beitrags noch nicht fest.

8 Gedanken zu „„Are you really who you say you are?“ – J.T. LeRoy

  1. Du hast 34 Kristen Stewart Filme gesehen? War Twighlight dabei? 🙂
    Ich habe sie zuletzt in Still Alice gesehen mit Julianne Moore. Hat die nicht dafür einen Oscar bekommen? Da fand ich Kristen Stewart gut. War ein toller Film.

  2. Ja, Twilight war dabei, alle fünf. Und ich finde, sie sind nicht das schlimmste, was jemals für die Leinwand erschaffen wurde – aber glitzernde Vampire und T-Shirt zerfetzende Werwölfe sind nicht unbedingt meins.
    „Still Alice“ ist ein grandioser Film und tatsächlich einer meiner Lieblingsfilme von ihr – nicht nur wegen ihr.
    Hier ein paar Filmtipps für alle, die ihr Bild von Kristen Stewart einmal gründlich von „Twilight“ abkoppeln wollen:
    (Links bitte in neuem Tab öffnen)

    Equals – eine Liebesgeschichte in einer zukünftigen Gesellschaft, die Gefühle als Krankheit versteht und heilen will. Eigentlich so ziemlich mein Lieblingsfilm von ihr.
    https://www.youtube.com/watch?v=OW-0wmuNBto
    Clouds of Sils Maria – das allererste Mal, dass der französische CÉSAR an eine Amerikanerin verliehen wurde oder nach Amerika überhaupt… beste Nebenrolle: Kristen Stewart.
    https://www.youtube.com/watch?v=PbVHlm7RcDs
    American Ultra – wer auf echt trashigen schrill bunten Agentenkram steht wird an dieser Kommödie seine helle Freude haben. Schräg, action packed… ich hab‘ mich durch diesen Film gekichert, auch ohne zu kiffen.
    https://www.youtube.com/watch?v=bLGFwkRx2HA
    Billy Lynn’s Long Halftime Walk – ein Film von „Life of Pi“- Regisseur Ang Lee über die emotionale Vermarktung eines Krieges und eine Schwester, die ihren Bruder nicht dafür hergeben will.
    https://www.youtube.com/watch?v=veoPig2LJDU
    Certain Women – ist die Verfilmung dreier Kurzgeschichten
    https://www.youtube.com/watch?v=or5lYLL41SY
    Camp X-Ray – Guantanamo verändert nicht nur die Menschen, die dort festgehalten werden
    https://www.youtube.com/watch?v=V602GMSSo0Y

    Funfact: Nach „The Runaways“ (Joan Jett)…
    https://www.youtube.com/watch?v=atUDd3ST3ko
    … ist „J.T.LeRoy“ der zweite Film, in dem Kristen Stewart einen real existierenden Menschen darstellt. Das dritte Mal ist bereits abgedreht und in der Postproduktion: „Against all Enemies“ … Jean Seberg.

  3. „She is great to kneel down, mischievous, gorgeous and her portrayal is so engaging …“ WTF who brought Laura Dern to her knees?
    I’m gonna whack this guy.
    And finally get yourself a decent set of smilies – you’re ancient. 🙂

  4. You betcha. No bouncing smilies for me.
    Nobody brought Laura Dern to her knees. Who could do that, she’s a badass Star Wars General.
    It’s a German methaphor. It’s like: she was so good, she knocked me off my feet.
    So you want to get down on your knees in admiration and adore her.
    Sounds more appropriate for Laura Dern, right?

  5. Zwei Cameos gefunden. Savannah Knoop und Stella Maxwell. Wie das wohl passiert ist??????
    Ich habe überlegt, ob es eine Schwäche des Films ist, dass er sich so wenig um die Frage kümmert, naja, Schuld. Das ist d e r Hoax der modernen Literaturgeschichte. Und da sind Sachen passiert, mit den Tonbändern zum Beispiel, die sind nicht legal und nicht in Ordnung. Und der Film urteilt da nicht.
    Aber dann finde ich, dass es eigentlich eine Stärke ist. Weil der Film keine Figur anklagt oder verurteilt. Das kann dann jeder selbst machen, wenn man will.
    Schade, dass man ihn in Deutschland nicht im Knio sehen kann.

  6. Sehr aufmerksam, Hut ab. Es gibt noch einen Cameo-Auftritt… Ellery Dern, Laura Derns Sohn. Er sitzt auf der Party neben Stella Maxwell.

    Ich glaube, dass alle an dieser Geschichte Beteiligten eine andere Geschichte erzählen würden. Wäre Laura Albert die Co-Autorin des Drehbuchs gewesen, dann wäre ein anderes Drehbuch dabei herausgekommen. Hätte Asia Argento daran mitgeschrieben würde die Figur von Diane Kruger sicher andere Züge bekommen. Wahrheit – rarely pure and never simple.
    Mir gefällt das der Film so gut wie jede Wertung vermeidet und sich sehr pur einfach den Gefühlen seiner Figuren widmet. Wünsche haben immer etwas egoistisches und alle Figuren haben eine Menge Wünsche. Und jeder Zuschauer kann selbst urteilen oder gar nicht urteilen, welche davon was bedeuten.
    Ich finde auch, dass darin eine große Stärke dieses Films liegt.

  7. Laura Derns Sohn? Ich wüsste nicht mal wie der aussieht.
    Ich habe mir die Doku angesehen und da ist schon ein Riesenunterschied zwischen den beiden Filmen. Inhaltlich. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen beiden Filmen. Oder noch ganz wo anders.

  8. Ich hatte ihn durch Zufall auf Bildern gesehen und wusste aus einem Interview, dass er großer Kristen Stewart Fan ist, deswegen ist er mir wohl aufgefallen. Laura Dern hat das am LA-Premierentag in einem Interview erwähnt. Das Interview ist insgesamt lesenswert, deswegen poste ich mal den Link:
    https://www.vulture.com/2019/04/laura-dern-and-kristen-stewart-jt-leroy-interview.html
    Ich wollte mir einiges von dem Doku-Material während der letzten Wartezeit auf den Film ansehen. Aber ich finde Laura Albert schwierig. Ziemlich interessant schwierig, aber schwierig. Ich frage mich immer, ob sie sich selbst kennt, während sie sich mir erklärt und daraus entsteht ein komisches Gefühl in mir als Betrachterin.

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