Space for Space

Am 12.April 1961 startete Juri Alexejewitsch Gagarin mit Wostok 1 und einem gutlaunigen „Pojechali!“ (Auf geht’s) zum ersten bemannten Raumflug der Geschichte. Er umrundete unseren Planeten in 108 Minuten und landete dynamisch im Wolga-Gebiet. Dabei läutete er nicht nur das Zeitalter der bemannten Raumfahrt ein… fast wäre er auch ihr erstes Opfer geworden. Eine fehlerhafte Abtrennung der Landekapsel vom Rest des Raumschiffs versetzte beide, nunmehr unplanmäßig durch Kabel verbundene, Komponenten in eine unkontrollierte Rotationsbewegung. Erst die Reibungshitze des Wiedereintritts durchtrennte die Kabel und ermöglichte den glücklichen Ausgang der Mission. Gagarin wurde in den Rang eines Majors befördert, Nationalheld …und durfte nie wieder in den Weltraum fliegen. Zu gefährlich.

Das ist heute 50 Jahre her und die Nachrichten sind voll davon.

Am 12.April 1981, auf den Tag genau 20 Jahre nach dem ersten bemannten Flug in den Weltraum, stand das Space Transportation System mit dem Space Shuttle Columbia auf seiner Startplattform bereit für seinen Erstflug. An Bord John Young und Robert Crippen, Testpiloten der besonderen Art… denn obwohl in einzelnen Komponenten getestet konnte niemand vorhersagen ob das System als Ganzes funktionieren würde.
Die Columbia enttäuschte die in sie gesetzten Erwartungen nicht. Sie landete zwei Tage später erfolgreich und begründete das Zeitalter der wiederverwendbaren Raumschiffe.

Das ist heute 30 Jahre her und die Nachrichten erwähnen es nicht.

Und deswegen ist der 12.April 2011 ein gutes Datum für ein Outing. Ich bin Schauspielerin und Raumfahrtfan.
Ich bin Mitglied im Raumconforum, ich besitze original Trainingszeug der ESA, ich bin stolzer Sponsor von Copenhagen Suborbitals, ich kann ohne Bildunterschrift unterscheiden, ob ein Bild vom Mars Rover „Spirit“ gemacht wurde oder seinem Zwillingsbruder „Opportunity“… was wohl bedeutet, dass ich deutlich zuviel Zeit auf dem Mars verbringe und ich erscheine stilecht in diversen Shuttleshirts zum Regensburger Raumconstammtisch, wo ich mit anderen Weltraumverrückten hemmungslos das ATV mit dem HTV vergleichen kann, die problematische BX-Schaum-Haftung nach der Reparatur der Stringer im Bereich der Intertanksektion am ET diskutiere und gemeinsam mit ihnen die Augen verdrehe sobald jemand GUCP sagt.
Am Theater bin ich damit ein Exot und ziemlich allein. Falls es hier eine Kollegin oder einen Kollegen gibt, die/der das mit der GUCP verstanden hat… oh bitte bitte melden, sofort melden!!!
Unter Weltraumfans bin ich aber auch Exot… Schauspieler oder andere „Künstler“ sind in diesem technisch orientierten Genre rar.
Vorallem aber darf ich mich immer gleich für zwei subventionsgestützte Leidenschaften rechtfertigen, die das gleiche Imageproblem ihr eigen nennen: sie gelten als teuer und nicht wenige finden sie überflüssig.

Lassen Sie mich dazu beispielhaft zwei Dialoge kreieren und beginnen wir mit dem Raumfahrtklassiker:
„Sollten wir nicht erstmal die Probleme auf unserem eigenen Planeten lösen, bevor wir ins All fliegen?“
Dieser Satz wird meist in einem sanft mahnenden Tonfall geäußert mit Anklängen von Mitleid, dass man das Offensichtliche überhaupt anführen muss.
Ich halte dagegen, dass wir Magnetfeld, Wetter und Polkappen der Erde nur aus dem Weltraum wirklich im Blick haben und dass die NASA jedes Jahr zwischen 40 und 50 sogenannte Spinoffs veröffentlicht, also technologische Errungenschaften, die dank NASA verbessernd auf unserem Planeten eingesetzt werden.
Übliche Erwiderung: „Also MIR hat die Raumfahrt noch nie geholfen!“
Ich frage, ob man das Internet, das Handy, die Computernmaus, die Pamperswindel, die Wettervorhersage, Programmvielfalt im Fernsehen, Liveübertragungen, Navigationssysteme, Funktionskleidung, Rauchmelder, Taschenrechner, Akkubohrer, verspiegelte Sonnenbrillen, Klettverschlüsse, den Strichcode auf allen Produkten des Supermarktes, Brennstoffzellen oder einen Babyanzug gegen den plötzlichen Kindstod für sinnvolle Erfindungen hält?
„Äh, ja… schon…“
Made by NASA, ermöglicht durch Raumfahrt, Teil unseres Alltags.
Große erstaunte Augen.
„Ich wusste nur das mit der Teflonpfanne!“
Ok… Leute, ein für allemal… die Teflonpfanne ist KEINE Erfindung der Raumfahrt!!! Auch wenn alle das denken!!! Wahrscheinlich ist es ein Hörfehler… denn Kevler ist tatsächlich ein NASA Spinoff.

Führen wir nun den imaginären Theaterdialog. Er beginnt gemäßigter.
„Theater ist ja schon wichtig, aber für das Geld könnte man so viele Kindergartenplätze finanzieren.“
Ja könnte man, bestimmt. Und wer kommt dann zu den Knirpsen in die Kindergärten und spielt für sie vor Ort in Klassenzimmern, Turnhallen und Ruheräumen? Wo sehen sie ihr Weihnachtsmärchen? Wollen Sie „Peter und der Wolf“ als CD vorspielen oder sollen die Zwerge vom Klang eines Orchesters umgehauen werden, dessen Instrumente sie später genauer begutachten dürfen? Wissen Sie, wievielen verschähmten Lehrkörpern das Theater mit dem Klassiker „Was heisst hier Liebe?“ schon das Leben erleichtert hat? Apropos Klassiker! Wenn die Kinder dann älter werden – soll ihnen die germanistische Lehrkraft „Faust“ mit verteilten Rollen vorlesen oder sollen sie im Zuschauerraum herausfinden wie lebendig so ’ne komisch alte Sprache sein kann?
Man muss Kindern nicht nur eine Betreuung geben, sondern auch Begeisterung!
Dagegen ist dann meist schwer was zu sagen, man schwenkt von den Kindern weg und wird allgemeiner:
„Also ich geh‘ ja eher ins Kino oder sehe zuhause fern.“
Ja, das mache ich auch… aber ich möchte die Wahl haben. Übrigens, was meinen Sie denn woher der Pool von deutschen Darstellern kommt aus dem der „Tatort“ bis in die kleinste Nebenrolle fundiert besetzt werden kann? Lebt die Schauspiellandschaft durch das Fernsehen, das rare deutsche Kino? Oder ist das Fundament dafür doch eher die Bühne? Und sind es nicht auch Bühnenmenschen, die Ihnen ihre Arbeit schon vor der Premiere als Matinee und nach manchen Vorstellungen zur Diskussion vorstellen? Und sind Live-Geschichten nicht doch
ganz anders? Besonders? Ein Kinocenter wird schon mal auf der grünen Wiese gebaut. Wo das Theater ist, ist immer auch das Zentrum einer Stadt. Kultur, lokal, hautnah, das ist Theater. Was ist das wert?

Und plötzlich wird das mit dem zahlen und den Zahlen schwieriger.

Ganz ehrlich, die Hochkulturen vergangener Zeiten hätten uns belächelt. Die Maya, die Inka, die Ägypter, die Griechen besaßen detailierte astronomische Kenntnisse, hohe handwerkliche Fähigkeiten und schätzten ihre Kunst. Sie nannten das insgesamt Kultur. Sie wären vielleicht irritiert gewesen mit Zahlen zu berechnen was doch offensichtlich für eine hochentwickelte Gesellschaft nötig ist.

2 Gedanken zu „Space for Space

  1. Oooh, mein niedliches (Staatsschau-)Spielkind! Ich verstehe den raumfahrtspezifischen Buchstabensalat selbstverständlich ganz und gar nicht. Aber das Silviagrinsegesicht samt seiner regenbogenbesockten Inhaberin ist ein so wundervolles Nebenprodukt der Raumfahrt, da hättest Du nicht extra den Akkuschrauber bemühen müssen. Raumfahrt macht Sinn. Quod erat demonstrandum.
    PS: Ich kenne die Tatwaffe!

  2. Spitzenmäßiges Bild, Silvia! Bist Du das beim Parabelflug?

    Teile Deine Raumfahrtbegeisterung sehr, wenn auch nicht mit so großem terminlichen Aufwand.

    Wenn Du gerade kein gutes Buch liest, lass Dir zu den von Dir angesprochenen Themen eins meiner Lieblingsbücher ans Herz legen:

    DIE MARS CHRONIKEN

    von Ray Bradbury.
    Großartig, fantasievoll, zukunftsweisend und… in outer space!

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