Open Air under protest

Die wenigsten Theater produzieren Kultur aus dem Status der Übersubventionierung heraus und können sich, gnadenlos überfinanziert, Etatkürzung gelassen gefallen lassen. Die Verringerung des geringen bringt eigentlich so gut wie jedes Theater in eine lebensbedrohliche Situation und stellt den Betrieb vor existentielle Fragen. Trotzdem hält sich Protest oftmals in Grenzen. Ein völlig unsinniger Widerspruch in einem Land, das gerade erst den „Wutbürger“ für sich entdeckt hat.

Gewiß, es gibt schriftliche Solidaritätsbekundungen, Petitionen, Unterschriftensammlungen … alle in bester Absicht, aber ausgefahrene Schienen, die kaum mehr als das kollegiale kollektive Gefühl hinterlassen ja irgendetwas getan zu haben – jedoch seltenst zu entscheidenden Veränderungen des geplanten unerträglichen führen. Ich habe mich oft gefragt woran das liegt, dass Theaterleute so wenig wehrhaft sind wenn es um die Demontage des eigenen Arbeitsplatzes und weiteren kulturellen Kahlschlag geht. Sicher, einige stehen an vorderster Front, aktiv, kreativ, machen sich bemerkbar und agieren gegen die Gefahr. Aber sie richten wenig aus, ohne dass sich hinter ihnen einen Masse versammelt, die ihnen den Rücken stärkt. Manchmal hält eine Leitung betroffen die Füße still um die Regierenden nicht vollens zu verprellen, manchmal fehlt die Geschlossenheit der Betroffenen und seltenst gehen die Zuschauer auf die Barrikaden.

Auch ein Phämomen, dass ich nicht verstehe. Man mische 10% Ethanol ins Benzin und hat binnen einer Woche einen Flächenbrand aus Diskussion und Protest… aber eine Stadt, deren Theater geschlossen oder demontiert werden soll, schweigt. Dabei sind die gesellschaftlichen Konsequenzen eines Theaterverlustes absehbar… wenn sie greifen, spürbar und erfahrbar werden kann man bedauern – ein Theater zurückholen hingegen kann man nicht. Man muss protestieren, als Einwohner einer betroffenen Stadt, bevor man sich nur noch arrangieren kann… mit dem Verlust.

Dessau sollte protestieren. Dessaus Umland sollte es. Das Anhaltische Theater tut es… auf vielfältige Weise und neuerdings open air in Magdeburg. Das Theater hat kurzerhand seinen Probenbetrieb umfangreich auf die grüne Wiese vor das zuständige Ministerium verlegt. Ballett, Schauspiel, Musiktheater und sogar die Anhaltische Philharmonie proben bis Mittwoch unter freiem Himmel und generieren in der Landeshauptstadt Aufmerksamkeit gegen die geplante Kürzung der Fördermittel. Und wer weiß, was es braucht damit Musiker/innen ihre Instrumente unvorhersehbaren open air Bedingungen aussetzen, der kann ermessen, wie sehr da ein Theater kollektiv und zu recht wütend ist.

Gut so. Richtig so. Weiter so. Mehr davon.

 

EDIT 4.09.2012: Wenn man jetzt die Theaterwebsite anklickt, dann öffnet sich automatisch ein MDR-Bericht über das Protestcamp.

 

 

7 Gedanken zu „Open Air under protest

  1. Verehrte Autorin,
    es ist immer so. Kürzungen im Kulturbereich werden von den Bürgern kritiklos hingenommen und von den Politikern noch einfacher durch Hochheben des Armes beschlossen, weil irgendeiner die Idee dazu hatte. Das ist heute die politische Landschaft (SPD?) und Realität.
    Es ist doch klar, dass eine Theaterleitung schweigt. Greifen wir mal etwas höher. Ein Intendant bleibt, ein paar Schauspieler müssen gehen. Wer behält seinen Posten? Ist es so? Jeder ist sich selbst der Nächste.
    Was bringt eine Petition, die keiner liest, eine Unterschriftenliste, wo jeder kurz unterschreibt und die keiner zur Kenntnis nimmt? Diese Instrumente des „Widerstandes“ haben noch nie etwas gebracht. Missmutig grinsend, mit geheucheltem Verständnis, werden diese Unterlagen entgegengenommen, aber dann geht’s auch relativ schnell in den Müll damit.
    Viele Theaterleute werden resignieren, weil es Beispiele genug in der Republik gibt, wo sich Widerstand nicht lohnt, oder erfolglos war. Nebenbei werden noch Repressalien befürchtet. Und so ist es ja! Ein Arbeitsvertrag ist schnell gekündigt oder wird nicht verlängert. Unangenehm auffallen möchte keiner.
    Und nun …. der treue Zuschauer im Theater? Diese Leute denken nicht an die gesellschaftlichen Konsequenzen. Keiner dieser Herrschaften geht auf die Straße, wenn es um Etatkürzungen geht! Das ist so und liegt vielleicht am reifen Lebensalter oder an der Gleichgültigkeit.
    Allerdings müsste es möglich sein, in einer Stadt wie Dessau mehr an Protestbewegung aufzubieten, als ein paar Musiker open air auftreten zu lassen. Aber ….. mal angenommen der Protest wird erhört und von wem? Wer macht das alles freimütig und aus Überzeugung wieder rückgängig?
    Und …. etwas fiel mir noch auf. Ganz nebenbei. Über dieses Thema unterhalten oder beschäftigen sich hier auch nur zwei, aber überzeugte Kämpfer für die Kultur.

    Liebe Grüße Brain
    PS: Die Links sind sehr informativ, eine gute Beilage für den Artikel. Abruf funktionierte gut!

  2. Hallo Brain, im Grund sind Politiker doch wie Kinder… sie probieren Grenzen aus, testen, wie weit sie zum eigenen Vorteil gehen können. Etwas hinzunehmen ist also niemals das Ende der Fahnenstange – denn dann wird früher oder später eine neue Grenze getestet. Bis nicht nur Produktionen gestrichen werden, sondern Sparten und schließlich das ganze Haus. Bricht man diese Entwicklung nicht wird sie von der Politik sicher nicht gestoppt. Was Politik aber nicht leiden kann sind erboste Wähler. Das ist ihr wunder Punkt. Das ist das grenzensetzende Element. Die Wähler sind das Publikum. Und obwohl Abonnenten durchaus nicht überwiegend Teenager sind… eigentlich zieht sich das Publikum eines Theaters durch alle Teile der Gesellschaft.
    Und diesen Menschen muss man bewußt machen, dass sie gebraucht sind und dass sie Macht haben, dass sie zählen.
    Sicher wird man müde und auch endlos frustriert durch die bestehende Situation, die ja wirklich nicht erst seit ein paar Jahren ersichtlich ist. Das zermürbt. Sehr. Aber Schauspieler zu sein ….oder Zuschauer… und diese ohnehin schon ausgedünnte Theaterlandschaft nicht mehr zu haben ist nun wirklich nicht erbaulicher. Und sehr motivierend, eigentlich.
    Ich erlebe Herrn Bücker und seine Leute übrigens als durchaus aktiv und sehr engagiert. Verglichen mit anderen Leitungen in Schieflage ist das Vorgehen recht umfassend, kreativ und sinnvoll.
    Liebe Grüße… Silvia

  3. Liebe Silvia,

    ich würde es sogar noch tiefer hängen: aus meiner Erfahrung braucht man noch nicht einmal „erboste“ Wähler – „beunruhigte“ und „irritierte“ Wähler reichen schon. Auch gerade bei Behörden – die hassen nämlich Unruhe.

    Und dann ist da noch die Rolle der Medien: ganz wichtig ist eine sympathische mediale Begleitung der örtlichen Presse. Am besten, sie hat sich „Kulturerhaltung in der eigenen Region“ auf die Fahnen geschrieben. So kann man das Thema breiter diskutieren. Immer gut sind „bildstarke Momente“ – also z.B. ein Foto der open-air-Proben des Orchesters (am besten im Frack) vor dem Ministerium. Da kommt man dann auch schon mal in die überregionale Presse.

    Deine Ansicht, dass Politiker wie Kinder seien und Grenzen ausprobierten gefällt mir sehr sehr gut. Dann nimmt man diese Kürzungsinitiativen nicht so persönlich bzw. es ist dann nicht so ein „moralisches Ding“ (Untergang des Abendlandes, usw.) – sondern ein netter Versuch, den man verhindern muss: „Na…. naaahhh… nein… neeeeiiiiinnn, das darfst Du nicht, das weißt Du doch!!!“ 🙂

  4. Danke für die Antwort.

    Zumindest sind wir auf gleicher Welle : ………………. nicht aufgeben, weiter kämpfen und überzeugen !!!

    Liebe Grüße in die Schweiz ….. Brain

  5. Im Grunde sind sich Theater und Politik nicht so unähnlich… in beidem findet man einen Haufen Egozentriker und Egoisten. Am Theater, finde ich, überwiegen die Egozentriker… in der Politik die Egoisten. Das macht das eine schräg, durchaus charmant und kreativ – und das andere nicht.
    Ja, die Presse ist ein bedeutsames Instrument. Wenn nämlich alle protestieren und keiner berichtet – dann warten Politiker gerne mal ab, ob die Zeit die Angelegenheit nicht unter den Teppich kehrt.
    Ich führe da immer gerne das Jahr 2008 an, in dem die Fusion zwischen Weimar und Erfurt stattfinden sollte. Unter Märkis Führung lehnten sich der Theaterverein, die Kulturzeitung und prominente Unterstützer gegen die Pläne der Landesregierung auf. Es hagelte Aktionen, der Stadtsportbund bildete eine Menschenkette um’s Theater, am Nationalfeiertag demonstrierten 1000 Bürger ihre Solidarität mit einem unfusionierten Theater – die größte Nachwendedemonstration der Stadt.
    Die Bürger sammelten 20.000 Euro für ein erstes Gutachten zum „Weimarer Modell“. Gut, darüber kann man geteilter Meinung sein… Fakt ist: das Nationaltheater blieb eigenständig erhalten. „…worauf sich Weimars Kulturbürger mit einer roten Rose bei jedem Stadtrat und beim Oberbürgermeister bedankten. Und sie hängten Goethe und Schiller nun das Schild um: „Wir danken unserem Stadtrat.“.
    http://www.tlz.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Zum-Abschied-des-DNT-Intendanten-Maerki-in-Weimar-1700027760
    Es geht… alle müssen es nur wollen – und zeigen… und die fehlgeleitete Politik sanft nachdrücklich korrigieren. Wenn dieses „alle“ viele genug sind… dann geht es.

  6. Ich bin immer Konsument in Sachen Theater , Bühne und was damit zusammen hängt. Und sehr interessiert. Silvia damals wie heute. Immer Laie. Auch ich arbeite in einem Bereich in denen Kürzungen ,Einsparungen weh tun und die lobby sehr leise oder schwach ist. Und wir tun für die Gesellschaft immens viel doch die beachtung ist gering. Es gibt zu wenig sachliche Meldungen und deswegen lese ich deinen Blog so gerne. Er gibt Leidenschaft und herzblut wider doch ist er stets sachlich und nicht laut. Kein wurbütgertum und das kann ich als Stuttgarter beurteilen. Warte auf deine Email und freue mich darauf. War neulich daheim und die trauerweide

  7. War nicht mehr da. Falsche Taste. Die sind aber auch klein. Fast wie Kinder stimmen hinter feuerschutztüren. Würde mich über Kontakt freuen. Simone

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