Frisch (ge)fragt

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Ich lese nicht viele Blogs regelmäßig. Zu denen, die ich wirklich fast täglich anklicke, gehört der Blog "Theaterliebe" von Johanna Schall. Ähnlich einem Ganzjahresadventskalender beliefert er Theaterfreunde nahezu täglich mit neuen Einträgen, die von Betrachtungen über Gedichte, Geschichten, Interviews und aktuellem Zeitgeschehen bis hin zu wörtlichen Sammlerstücken ein so breites Spektrum abdecken, dass der Blogtitel nicht übertrieben und in der Tat verdient ist.
Heute fand sich dort ein von Max Frisch 1966 entworfener Fragebogen, der mich augenblicklich dazu anstiftete die Fragen beantworten zu wollen. Spannende Fragen finde ich unwiderstehlich. Sie provozieren interessante Antwortsuchen.
Als ich Fragen und Antworten als Kommentar posten wollte stieß ich auf technische Hürden. Kommentare sind auf 4096 Zeichen zu begrenzen. Das war mir offenbar nicht gelungen. Ich entfernte die Fragen, aber die Technik spielte immer noch nicht mit.
Also entschloß ich mich das Gesamtpaket hier einzustellen.

1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
– Ich bin mir sicher, dass sie mich nicht interessiert.

2. Warum? Stichworte genügen.
– Mein Lieblingswitz gibt die Antwort: treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine zum anderen: "Du siehst schlecht aus. Was hast du?" Antwortet der andere: "Menschen!" Sagt der erste: "Mach' dir keine Sorgen, hatte ich auch, das geht vorbei!"

3. Wieviele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
– Alle…und keines. Ich habe mich früh entschieden mir lieber die Kinder meiner Freunde auszuborgen, sie rettungslos mit Blödsinn zu überfrachten und sie dann wieder bei ihren Eltern abzuliefern.

4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
– Die Begegnung, über die ich das sagen könnte, steht noch aus… und darf meinetwegen auch ausstehend bleiben.

5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
– Ja. Und eher mich.

6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
– Böse Zungen behaupten, ich hätte es bereits. Wahr ist aber vielmehr, dass ich auf die Lücken, die sich mein Gedächnis gönnt, keinesfalls verzichten möchte.

7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
– Jene, deren Eigenschaften ein Ableben weniger bedauernswert machen, besitzen leider genau jene Eigenschaften, die ich für beständig nachwachsend halte. Der Wunsch nach ihrem Ableben macht also wenig Sinn.

8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
– Abseits des privaten… ich hätte gerne Ingrid Bergmann getroffen.

9. Wen hingegen nicht?
– Die Liste jener, die für die negative Beeinflussung der Menschheitsgeschichte keinesfalls eine zweite Chance bekommen sollten ist derart umfangreich, dass sie hier keinesfalls zusammengestellt werden kann.

10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
– Nein.

11. Wie alt möchten Sie werden?
– Ich gehöre nicht zu jenen, die sich vor Dreistelligkeit fürchten.

12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
– Ja.

13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
– Hat sich in Frage 12. erübrigt.

14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?
– Da bestimmt der Anlass das "Wie"… deswegen: sowohl als auch – bei beiden Fragen.

15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden oder meinen Sie's noch? Angabe des Alters.
– 41… und ich gebe mich gerne der Ansicht hin, dass ich es immer noch werde. In dieser Ansicht enthalten ist der Plan es weiter zu betreiben.

16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
– Schon. Immerhin kann ich auch nach anhaltendem Premierenapplaus, enthusiastischem Premierengelobe und mild wohlwollender Zeitungskritik noch gut unterscheiden wann eine Inszenierung und/oder ich selbst suboptimal waren… und weiche von dieser Erkenntnis auch nicht ab bloß weil's augenscheinlich niemandem aufgefallen ist. Selbstkritik ist dann auch höchst hilfreich bei dem anhaltenden Versuch das suboptimale zu beseitigen.

17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
– Die Frage kann ich beantworten, die Frage will ich im Internet aber nicht beantworten. Denn wenn ich ehrlich antworte ist sie sehr persönlich. Und sie nicht ehrlich zu beantworten ist ja nicht Sinn und Zweck. 😉
Nur so viel: ich entschuldige mich viel öfter für die Dinge, die ich mir selber übel nehme. Weil ich von der Notwendigkeit dafür überzeugt bin. Und ich bin nicht von allen Dingen überzeugt, die andere mir übel nehmen. 😉

18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?
– Diese Frage ist der Beleg dafür, das Max Frisch nicht zum Physiker geboren wurde. Immer voraussetzend ich bin nicht Schrödingers Katze kann ich nicht gleichzeitig lebendig und tot, existent und nicht existent sein. Wenn ich nicht existiere, dann würde ich mir diese Frage nicht stellen. Wenn ich existiere kann ich sie mir nicht stellen, weil ich nicht weiß wie es ist nicht zu existieren und die Antwort zusätzlich durch das Wissen um die eigene Existenz verfälscht wird.
Ich sage mal: die Vorstellung irritiert mich zumindest – denn ich existiere ausgesprochen gerne.

19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbenen zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
– Die Überlegungen zu dieser Antwort erbrachten ein bemerkenswert schönes Ergebnis. Es ist zu ihren Lebzeiten nichts zwischen ihnen und mir ungesagt oder ungehört geblieben. Ich würde deswegen einen gleichberechtigten Dialog, ein angeregtes Gespräch bevorzugen.

20. Lieben Sie jemand?
– Ja.

21. Und woraus schließen Sie das?
– Weil ich ohne diesen Menschen leben kann, dazu aber absolut keine Lust verspüre.

22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wir erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?
– Excellente Erziehungsarbeit meiner Mutter.

23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
– Ein eigenes Theater, 51% Firmenanteile bei Virgin Galactic und ein Hund.

24. Wofür sind Sie dankbar?
– Für alles, was man nicht kaufen kann und sich trotzdem bereichernd in meinem Leben herumtreibt.

25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?
– Ich möchte überhaupt nicht lieber gestorben sein. Ich wäre dann schon lieber ein Tier. Ein Rabe wäre keine schlechte Wahl… intelligente Artgenossen und flugfähig.

Die übrig bleibende Frage lautet: ist eigentlich bekannt ob und wie Max Frisch diese Fragen beantwortet hat?

2 Gedanken zu „Frisch (ge)fragt

  1. Er hat sie, soweit ich weiss, nicht selbst beantwortet. Aber noch einige andere Fragebögen zusammengestellt. Werde ich irgendwann posten.
    Das Beantworten ist tückisch: zu privat, persönlich will man nicht werden und nur witzig will man auch nicht antworten. Hmmm. Werde es auch probieren. Spannend Deine Antworten zu lesen!
    Blöd, dass man Zeichenbegrenzung hat in den Kommentaren, höchstens teilen und auf mehrere Kommentare aufsplitten. Mist!
    Ganzjahresadventskalender ist gut. So sieht es halt in meinem Kopf aus.
    Übrigens, wenn ich nächstes Jahr in Ingolstadt arbeite, würde ich Dich gern mal auf ’nen Kaffee/Bier/Wein treffen.
    Gruss, Johanna!

  2. hab ich gerne gelesen und im geiste für mich beantwortet.
    übrigens mag ich dein motto sehr! und vielleicht werde ich es mir dieses jahr in live ansehen können, wenn ich in NYC bin 🙂

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