Wieder nüscht…

Heute um 18.00 geht die Welt unter.
18.00 in welcher Zeitzone? Keine Ahnung. Harold Camping weiß nur, dass heute der Weltuntergang beginnt. Er hat das aus der Bibel berechnet. Die Bibel kennt keine Zeitzonen. Der Weltuntergang beginnt halt. So insgesamt. Welt halt.
Mal wieder.
Den hatte Camping selbst zwar schon für 1994 vorausgesagt – aber er gibt zu, dass er sich da verrechnet hatte. Hey, kein Problem, ich bin auch nicht gut in Mathe, ich kann das verstehen. Heute ist er sich aber sicher.
Also Beginn vom Weltuntergang. Ok. Äh, Moooment. Sollte der laut dem evangelikalen Autor Hal Lindsey nicht 40 Jahre nach der Gründung des Staates Isreal stattfinden? Das wäre 1988 gewesen. Der fundamentalistische Prediger Jerry Falwel hingegen rechnete 1999 mit der Rückkehr Jesus Christi innerhalb der nächsten zehn Jahre. Offenbar besteht Einigkeit, dass dessen Wiederkehr auf unseren Planeten der Startschuss zum Weltuntergang ist. Er rettet dann eine undefinierte Anzahl gläubiger Menschen und überläßt den Rest dem Verderben. Die Endzeitprediger glauben immer, sie würden zu den Geretteten gehören. Aber vielleicht mag Jesus keine Petzer???
Wie auch immer, der Kerl kam nicht, keiner wurde gerettet, alle mussten weiter ihre Steuererklärung machen.
Heute ruft der Papst auf der Internationalen Raumstation an. Er wird sich 20 Minuten mit der Stationsbesatzung und der Crew des Space Shuttle Endeavour unterhalten, das gerade während seiner letzten Mission an der ISS gedockt ist.

Besitzt er Insiderwissen? Will er auf Nummer sicher gehen und arrangiert gerade seine Flucht zum Außenposten der Menschheit? Nö. Es sind gerade zwei ESA Astronauten aus Italien an Bord, deswegen.

Weltuntergang. Was heißt das eigentlich? Wieso reden immer alle von Weltuntergang und meinen den Menschheitsuntergang? Das ist durchaus nicht dasselbe. Endzeitprediger meinen wenn es mit den Menschen zu Ende geht sei dies das Ende der Welt. Frivole Selbstüberschätzung. Unser Planet hat schon ganz andere Stromschnellen gemeistert.
Vor rund 4,5 Milliarden Jahren kollidierte die Erde mit Theia, einem anderen Planeten von mindestens Marsgröße. Theia schlug wie ein gigantischer galaktischer Streifschuss in die Erde ein, die Metallkerne der beiden Planeten verschmolzen, Auswurfmasse beider verschleuderte sich im Weltall, formte Asteroiden, die zurückstürzend die Oberfläche der Erde in einen einzigen Magmaozean verwandelten – die Apocalypse nimmt sich dagegen aus wie ein freundlicher Besuch im Center Park. Aber… wir hatten danach einen Mond und ein wesentlich stärkeres Magnetfeld, absolute Pluspunkte der Evolution… und die Erde hat es überstanden.
Und da soll sich unsere Welt über Erdbeben, Vulkanausbrüche und Gesteinsbrockenbeschuss aus den Tiefen des Weltalls aufregen und zum Untergang verpflichtet fühlen? Ach nö.

Mr.Camping möge es mir verzeihen, aber werfen wir einen vorausschauenden Blick auf die nächsten Weltuntergangsszenarien.
Am 9.November 2011 schrammt 2005YU55 an uns vorbei, immerhin auf 200 Meter geschätzt und damit kein Winzling. Er passiert die Erde in einer Entfernung von rund 320.000 Kilometern, also zwischen Mond und Erde. Kosmisch gesehen passt da nicht mal ein Blatt Papier zwischen, aber einschlagen wird er nicht. Das Kerlchen umrundet die Sonne alle 1,22 Jahre, also keine Panik, wir haben regelmäßig die Chance, dass sich das ändert… allerdings nicht die nächsten 100 Jahre. Das haben bereits Leute berechnet, die das wirklich können.
Der Maya-Kalender… wenn wir eine Chance auf Weltuntergang haben, dann doch wohl am 21.Dezember 2012. Äh, nein. Das ist enttäuschend, aber nein. Die Planeten unseres Sonnensystems werden sich nicht in eine verderbnisbringende Linie fädeln. Auch das wurde bereits berechnet… Astronomen sind totale Spielverderber.
Nein, halt, sind sie nicht… sie liefern uns Apophis, vormals nüchtern 2004MN4, dann umbenannt in den Widersacher des Sonnengottes Ra. Er wird die Erde verheißungsvoll an einem Freitag den 13. im April des Jahres 2029 in nur niedlichen 30.000 Kilometern Entfernung besuchen. Optimisten gehen ‚runter bis auf 6.000 Kilometer, da lohnt sich schon das winken.
Höchstwahrscheinlich fliegt er vorbei… aber er könnte durch Gravitationskräfte fragmentiert werden und dann wie eine Schrotladung niedergehen. Er kann auch durch ein Gravitations-Schlüsselloch fliegen, was seine Flugbahn verändert, und dann schlägt er 2036 beim nächsten Versuch ein… also, mit einer Wahrscheinlichkeit von vier zu einer Million, aber immerhin.

Sehen wir den Tatsachen mutig ins Auge. Nichts davon wird unseren Planeten zerstören.
Aber verzaget nicht, lasst mich eine Prophezeihung sprechen. Denn ich weiß, wann unser Planet untergeht und ich kann es euch sagen. Und bitte lasst es mich in gewaltige Worte fassen:
In 50 Millionen Generation von jetzt an wird die Sonne sich über unseren Horizont breiten, 250 mal so groß wie heute. Der Boden unter Euren Füßen wird 70 Grad heiß werden, das Wasser wird verdampfen und die Erde wird zu einem oxidierten roten Planeten werden. Fünf oder sechs Milliarden Jahre später werden auf der Erde wieder Magmaozeane sich in Temperaturen bis 2200 Grad dahinwälzen und brodeln, Siliziumschnee und Eisenregen gehen hernieder und die Erde wird aufhören sich zu drehen, gefangen von der Schwerkraft ihrer Sonne.
Ja, ja, ja, wir sind immer noch nicht sicher, ob der rote Riese, der unsere Sonne dann ist, unseren Planeten schluckt oder ihn in ihrer Ausdehnung vor sich herschiebt… also vielleicht nicht mal dann Weltuntergang, aber ungemütlich wird es, darauf Brief und Siegel.
Bis dahin bleibt die Erde was sie ist…
…und sogar mit uns darauf.
Eine Befragung des „Public Policy Research Institute“ ergab, dass 44% der Befragten in den Unwetterextremen der letzten Zeit Vorboten des nahenden Weltuntergangs sehen. Vermutlich tankten sie anschließend ihr Auto voll, schalteten zuhause die Klimaanlage an, verstauten 10 Kilo Rindfleisch miesester CO² Bilanz in einer überdimensionierten schrottreifen Kühltruhe, sprengten ihren Rasen mit Trinkwasser und fanden, dass das Wirtschaftswachstum keinesfalls an peniblen Umweltschutzauflagen zugrunde gehen darf.
Ok, wir kriegen den Weltuntergang nicht hin. Aber wir zeigen eine gewisse Begabung für den Menschheitsuntergang.
Aber nicht heute. Das Experiment läuft noch.

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