Mir sind dä weltberüemdi Geissächor!

Wenn Schauspieler ihren Namen auf dem Besetzungszettel des Märchens entdecken, dann können die Reaktionen sehr unterschiedlich ausfallen. Von derben Flüchen bis zum schelmischen Grinsen ist nahezu alles möglich. Märchen spielen ist durchaus kein Zuckerschlecken. Kinder sind das herausfordernste Publikum, das man sich im Zuschauerraum versammeln kann. Kinder sind nicht höflich. Wenn man sie nicht ergreift, dann nehmen sie ihr Amüsement selbst in die Hand und entwickeln lustige Seitenhandlungen zwischen den Stuhlreihen. Kinder erfolgreich zu bespielen, sie an eine Geschichte zu fesseln, erfordert viel Wachheit, manchmal blitzgescheites improvisieren, sportliche Höchstleistungen… und das alles morgens, nicht selten zweimal hintereinander, gegebenenfalls täglich und unter Bewältigung eines umfangreichen Vorstellungsvolumens.
Andererseits sind Kinder aber auch das hinreißenste Publikum. Sie sind direkt und lassen sich mit ganzer Seele ein. Sie werden zu Mitspielern, zu Cheerleadern ihrer Lieblinge und Beschützern gegen die Bösen der Geschichte.
Ich gebe offen zu, dass ich an einem Kinder- und Jugendtheater schlecht aufgehoben wäre. Ich liebe zu viele Autoren aus hunderten Jahren Theaterliteratur bis zur Gegenwart, die dort nicht zur Aufführung gelangen – aber ich spiele Märchen nicht ungern. Ich mag das toben mit dem Publikum, das schwitzen und brüllen, die Herausforderung des direkten. Und ganz besonders mag ich es in einem Märchen auf der Seite der Bösen zu agieren, mir die Empörung der Kinder einzuhandeln bis sie auf ihren Stühlen herumrutschen und sich die Kehlen heiser schreien. Als einige Kinder kurz davor waren die Bühne zu erklimmen um mich als „Thekla“ höchstpersönlich davon abzuhalten mir die „Biene Maja“ als Zwischenmahlzeit einzuverleiben wertete ich das als höchst befriedigenden darstellerischen Erfolg.
Dieses Jahr ist es wieder so weit. Gegeben wird „Heidi“ und ich spiele „Fräulein Rottenmeier“ – fraglos DIE Rolle schlechthin auf die sich der Unmut der Kindern gebündelt konzentrieren wird. Ich freu’ mich ‚drauf.
Doch bevor ich in Frankfurt mein Unwesen treiben kann galt es zunächst einige musikalische Vorarbeit im „Geissenchor“ zu leisten. Die Geissen werden bei uns in Puppenform die Alp bevölkern und Heidi, Peter und die Großmutter gesangstechnisch verstärken. Das gesamte „Heidi“-Ensemble leiht ihnen dazu seine Stimmen. Christoph Iacono hat ihnen vier Lieder geschrieben, deren Text etwa zur Hälfte aus dem Wort „Mäh“ besteht. Das ist nicht verwunderlich, es sind Geissen… superkalifragilistikexpialigetisch werden sie wohl eher nicht singen. Bis zur gestrigen Tonaufnahme bestand meine Arbeit in dieser Woche also mehrheitlich daraus den verschiedenen Klangfarben dreistimmig intonierter „Mäh’s“ auf die Spur zu kommen. Und da geht einiges. Von „sanft streichelnden“ Mäh’s beim Schlaflied bis hin zu „dynamisch davonhüpfenden“ Mäh’s sind auch Technicoulordramamäh’s möglich und leidvoll musikalische Mähaufschreie, wenn Heidi von der Alp entführt wird.
Bereits das einsingen hatte es in sich. Nach einigen physischen Aufwärmübungen sangen wir uns zunächst auf die von Christoph vorgegebenen Schnellsprechworte „Memmingen“, „Mümmelmann“ und „Zugzielschild“ ein, profitierten dann aber von der internationalen Ausrichtung des Ensembles und nahmen auch „Balatonport“ (Plattenseestrand), „palpabile“ (berührbar) und „Chrüsimüsi“ (Wirrwar) mit ins Programm.
Nach der musikalischen Grundorientierung begannen wir uns in unserer Aufgabe zunehmend sicherer zu fühlen. Wir erfanden das „Geissenglissando“ und das „Geissentremolo“, sogar ein „Mähdley“ wurde erwogen. Für den „Geissenpeter“ formierten sich die „Geissengroupies“ und als wir gestern im Tonstudio zum Einzel- und Gruppenmähen antraten erfanden wir ganz nebenbei auch noch die „Geissenrotunde“.
Fraglos… „mir sind dä weltberüemdi Geissächor…“ und die Alp kann kommen. Das habe ich übrigens auch gelernt in dieser Woche… von wegen „Alm-Öhi“ – in der Schweiz gibt’s gar keine Alm, nur die Alp. Der „Alm-Öhi“ meiner Zeichentrickkindheitserinnerung stimmt gar nicht… er ist der „Alp-Öhi“.

Als ich einer hochgeschätzten Kollegin berichtete, dass ich gerade dabei bin die Alp zu mähen schickte sie mir kommentarlos diese beiden Videos. Ja, es sind Schafe, aber ich möchte sie Euch trotzdem nicht vorenthalten.

7 Gedanken zu „Mir sind dä weltberüemdi Geissächor!

  1. Hallo Silvia,

    habe ja lange nichts von dir gelesen.

    Ich kann mir schon vorstellen, dass ein vollbesetztes Theater ( – Publikum nur Kinder – ) ein ganz anderes Flair hat, als eine Abendvorstellung mit gemischten, erwachsenen Zuschauern. Kinder sind ehrlich, manchmal sagt man sogar grausam, aber anderseits auch sicher ein dankbares Publikum. Das kann ich mir schon nachvollziehen.

    Vermutlich erleben und sehen Kinder eine Theatervorstellung mit ganz anderen Augen. Ich weiß, wie schwer es ist, oder war, Kinder zur Konzentration anzuhalten und diese zu beschäftigen, selbst nur zuhören ist für sie oft schwierig.

    Es gibt ja verschiedene Aufgabenbereiche. Du möchtest lieber die „richtigen“ Theaterstücke spielen, übernimmst aber auch Märchen und dann noch gern auf der Seite des Bösen. Aber sicher nicht immer generell die Böse?

    Letztendlich muss einem sicher auch noch das Märchenstück gefallen, dann fällt die Entscheidung vielleicht einfacher, eine Rolle zu übernehmen. Bei deiner Rolle als „Fräulein Rottenmeier“ musste ich ein wenig schmunzeln.

    Natürlich kenne ich die Heidi – Geschichten, wie die Kinder eben und auch diese Person. „Fräulein Rottenmeier“ gespielt auf der Bühne, kann durchaus eine Herausforderung werden.

    Und wieso in Frankfurt ? Ich dachte du spielst erst mal in der Schweiz.

    Liebe Grüße an Dich
    -Brain-

  2. I love it… 🙂
    Als bekennender Fan des Puppentheaters habe ich übrigens sanftmütig vorgefühlt ob es nicht möglich wäre eine der Geissenpuppen zu bespielen. Schließlich taucht Fräulein Rottenmeier erst im zweiten Teil auf… aber leider ist doch eine Überschneidung in Planung, sodass sich mein Faible für quicklebendigen Schaumstoff nicht wird umsetzen lassen. Ich weiß noch nicht, wie unsere Geissen aussehen werden – aber ich hoffe inständig dass sie mit ähnlichen Augen in die Welt gucken wie diese Schafe. Mäh!

  3. Nee, nee, Märchen ist absolut vollwertiges Theater, da unterscheide ich gar nicht. Es braucht die gleiche Sorgfalt, Konzentration, Fantasie und Energie. Die Spielanforderungen eines Märchens sind enorm hoch… denn man baut die Geschichte schließlich für Spielexperten. Was man als Erwachsener auf der Schauspielschule mühsam wiederentdeckt und dann steuern lernt, das beherrschen Kinder völlig selbstverständlich. Ihre Fähigkeit in eine erfundene Welt einzutauchen ist nahezu total und da muss man erstmal Schritt halten.
    Das ist die Herausforderung und die hab‘ ich gerne. Aber hätte ich sie immer, dann müsste ich eben auf Shakespeare, Schiller, Ibsen, Tschechow & Co. verzichten – und das würde ich ungern.
    Und doch, ja… insbesondere beim Märchen spiele ich gerne die Widersacher, die Unsympathen, die Fiesen… die dann natürlich auch grandios scheitern müssen oder doch ihre gute Seite wiederentdecken, je nachdem. „Fräulein Rottenmeier“ liegt da gänzlich auf Wunschlinie… und natürlich spiele ich sie in der Schweiz, aber „das Heidi“ wird ja nach Frankfurt verbracht… zu Klara und eben der Rottenmeier. Gott sei Dank, denn Schwizerdütsch würde mir hier wirklich niemand abnehmen, dafür bin ich noch nicht reif.

  4. Naja, aber scheinbar sind es zumindest zwei verschiedene Welten, also Märchen und anderes Schauspiel und das du so etwas als Herausforderung siehst, weiss ich natürlich. Halbe Sachen gibt es nicht.
    Unsympathisch und fies bist du nur auf der Bühne, wenn es die Rolle eben verlangt – sonst nicht !!!!!
    Viel Erfolg bei der Aufgabe.

    LG – Brain –

  5. Liebes Fräulein Rottenmeier
    Ganz toll ihr Blog, hänge nun schon beinah zwei Stunden am PC, obwohl unsere süsse Hündin „Kanga“ mich immer wieder mal stupst, sie möchte raus, rumschnuppern (ich sag dem immer Zeitunglesen), spielen und ihre Kumpels treffen.
    Nun werde ich ihren Blog meiner Favoritenliste beifügen und meinen Alltagspflichten nachgehen, wovon mit Kanga laufen zu den angenehmeren gehören.

    Ein herzliches mäh mäh mäh mäh mäh mäh mäh von einer der drei „Gaisslis“ *

    * (meistens die Braune, hab mich ein bisschen in sie verliebt, sie hat nähmlich eine kleine Behinderung, man musste ihr die Zunge kürzen.)

    Liebe Silvia, wenn dein Wunsch sehr, sehr gross ist eine der Geissenpuppen zu bespielen, müssten wir mal ganz lieb mit Inge Lörincz reden, also für mich könntest du gut mal Ersatz machen. Ist ein Witz, aber warum nicht;;;

  6. Liebe Vroni,

    ja Gassigehen nenne ich auch Zeitung lesen, wahlweise auch SMS lesen. 😉
    (Eigentlich müsste man Kanga ja als Hütehund der Geisen unterbringen!)

    Ehrlich gesagt muss ich gestehen, dass ich mir die Geissen schon geschnappt habe, als ihre eigentlichen Bespieler keine Probe hatten – ich habe mich also schon weitlich ausgetobt. 🙂
    Und mittlerweile seid Ihr so ein Spitzenteam mit den Geissen geworden… nee, nee, da funke ich nicht mehr ‚rein – never change a winning team!!! Und was ich gehört habe… die Geissen waren ein Abräumer.
    Und bloß nicht die Zunge einkürzen… der leicht bekiffte Gesichtsausdruck (der ohnehin allen Geissen so wundervoll steht!) wird dadurch fulminant verstärkt. Ja, da kann man sich in der Tat dreinverlieben… die Viecher sind klasse!!!
    Ich freu‘ mich auf Mittwoch… da mähen wir dann wieder gemeinsam die Alp… 🙂

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