grenzWERTIG – Paul Grüninger

Paul Grüninger wollte kein Held werden. Und hätte es die systematische Verfolgung, Internierung und Vernichtung der Juden durch den Nationalsozialismus niemals gegeben, dann würden die Geschichtsbücher ihn verzeichnen als Polizeihauptmann von St.Gallen, der begeistert Fußball spielte und als linker Flügelstürmer Schweizer Meister wurde.
Aber Paul Grüninger wurde ein Held. Bis zu 3600 Menschen verdanken ihm ihr Leben.
Er selbst hat das wohl nie als Heldentat verstanden, mehr als eine Art Selbstverständlichkeit, eine Notwendigkeit von Menschlichkeit, als einfache Wahrheit, die besagt, dass Paragraphen nicht wichtiger zu nehmen sind als das Leid Verfolgter.
Als die Schweiz im August 1938 die absolute Grenzsperre beschließt und anordnet, dass Flüchtlinge ohne Visum ausnahmslos zurückzuweisen sind datiert er Einreisedokumente vor, erlaubt Härtefallreglungen, schreibt Vorladungen für österreichische Juden auf seine Polizeidienststelle und ermöglicht so entgegen aller Weisungen aus Bern die Einreise in die hermetisch abgeriegelte Schweiz.
1940 wird er wegen Amtspflichtverletzung und fortgesetzter Anfertigung inhaltlich unwahrer öffentlicher Urkunden verurteilt. Zuvor hatte man ihn in der kantonalen Heil- und Pflegaanstalt Will auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen.
Er wird zu einer Geldstrafe verurteilt, trägt die Hauptlast der Untersuchungskosten und wird aus dem Polizeidienst entlassen, ohne Anspruch auf Pension. Die Liste seiner Berufe im folgenden ist lang, unstet und wenig ertragreich.
Erst 1968 kommen erste Stimmen auf seine Verdienste auch offiziell neu zu bewerten. 1970 bezeugt der Regierungsrat des Kantons ihm in einem Schreiben Anerkennung, will hingegen „keineswegs auf frühere Entscheide zurückkommen“. In den Folgejahren häufen sich Publikationen, die Nationalzeitung organisiert eine Sammlung zu seinen Gunsten, unzählige Dankesbriefe erreichen Grüninger aus allen Teilen der Welt… er soll sie alle persönlich beantwortet haben. Der deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann schickt dem 80jährigen Grüninger einen Fernsehapperat zu Weihnachten. 1972 stirbt Grüninger … das Urteil aus dem Jahr 1940 hat immer noch Bestand. Eine vollständige rechtliche Rehabilitation unterbleibt.
1991 gründen Hans Fessler, Stefan Keller und Paul Rechsteiner den Verein „Gerechtigkeit für Paul Grüninger“.
1995 wird Paul Grüninger freigesprochen. Ein juristisch wohl sehr seltener Fall in dem ein fortgesetzter Rechtsstaat ein nach damaligen Gesetzen konformes Urteil im Lichte der Geschichte neu bewertet und sich selbst korrigiert.
Drei Jahre später wird eine Wiedergutmachung von 1,3 Millionen CHF von der Regierung bewilligt und fließt in die „Paul-Grüninger-Stiftung“ ein.
Heute finden sich Gedenktafeln in Yad Vyshem, Jerusalem, Tiberias und an seinem Wohnhaus in Au bei St.Gallen, Straßen und Plätze wurden nach ihm benannt, die Rheinbrücke zwischen Diepoldsau und Hohenems, jener Stelle über die ein Großteil der Flüchtlinge die Schweiz erreichten, trägt seit letztem Jahr seinen Namen.
Das Theater St.Gallen hat mit „Paul Grüninger – Ein Grenzgänger“ ein Projekt zusammengestellt aus Dokumenten, Pressemitteilungen, Zeitzeugenberichten und Interviews, das einen Bogen über sein Leben schlägt – bis in das Jetzt hinein, in dem viele (wie in vielen Ländern) immer noch die Meinung vertreten „Es kann doch nicht die ganze Welt in die Schweiz kommen!“.
Daniela Stirnimann, Paul-Grüninger-Preisträgerin 2011, mag das nicht gelten lassen. „Wir leben auf Kosten der ganzen Welt. (…) Gut, wenn wir keine Waffen mehr exportieren, keine Despotengelder mehr horten und keine Rohstoffe mehr importieren, dann müssen wir auch keine Leute mehr auf nehmen.“.
„Und man fragt die Wolken: habt ihr Pässe?“ heißt es in Bertolt Brechts „Flüchtlingsgespräche“. Paul Grüninger hat nicht gefragt. Er hat gehandelt.

Impression von den Proben im erst teilweise originalen Bühnenbild.

In eigener Sache: wie man auf dem Bild schon gut erkennen kann sind Koffer ein wichtiger Bestandteil unseres Bühnenbildes. Es sind die Koffer der Flüchtlinge – und weil es von ihnen so viele gab möchten wir auch mit ganz vielen Koffern arbeiten. Viel mehr Koffern als ein Theaterfundus bereitstellen kann. Falls Sie also zufällig einen alten Koffer irgendwo auf dem Dachboden oder im Keller haben, der äußerlich gut in die damalige Zeit paßt, den Sie fast schon vergessen hatten, nicht mehr brauchen und dem Sie eine Bühnenkarriere ermöglichen wollen… wir würden uns sehr über Kofferspenden freuen!

KONTAKT: >>>>>>>>>>>>>>>

Edit: Viele wunderschöne alte Koffer haben den Weg in’s Theater gefunden und auf unsere Probebühne, wo sie bereits freudig in das Geschehen integriert werden. Wahrscheinlich weniger durch diesen Blogbericht, sondern vorallem durch den Aufruf via Radio und Presse – trotzdem auch an dieser Stelle ein sehr herzliches Dankeschön an alle, die uns auf diese Weise unterstützt haben!!!

3 Gedanken zu „grenzWERTIG – Paul Grüninger

  1. Ich weiß nicht, ob die Bezeichnung „grenzwertig“ richtig für diesen Fall ist. So wie es aussieht handelte Paul Grüninger zur damaligen Zeit eindeutig gegen Recht und Gesetz und trug auch die Konsequenzen. Das macht die Sache schwierig, zumal die Schweizer Regierung mit den Verhältnissen in Deutschland nichts zu tun hatte. Die Regularien wurden sicher zum Schutze der Schweiz erlassen, ebenfalls aus damaliger Sicht.
    Heute sieht die Sache moralisch, menschlich gesehen etwas anders aus. Juristisch bleibt die Sache wohl gleich, auch bei nachträglicher Betrachtung.
    Die Frage ist, ob es sich gelohnt hat? Hat er viele dadurch gerettet und was veranlasste ihn dazu?

  2. Er hat tausende gerettet… und was ihn dazu veranlaßte war wenig mehr (und trotzdem so viel) als sein eigenes Empfinden für gut und richtig. Natürlich ist keine Frage, dass er gegen damals geltendes Recht verstoßen hat. Aber ist Recht auch richtig, wenn es falsch ist? Das machte seine Rehabilitierung so schwer. Viele haben sich darauf berufen nur Befehle befolgt zu haben, nach dem dritten Reich, nach der DDR, nach vielen Diktaturen. Von deren Recht sprechen wir heute als Unrecht und geben den Befehlsverweigerern recht. Die Schweiz ist ein fortgesetzter Rechtsstaat, immer gewesen und geblieben. Das einzigartige an seiner Rehabilitierung ist, dass die Schweiz die Größe hatte schließlich zu sagen: das Recht war damals nicht rechtens.
    Befehlen folgen ist einfach. Das eigene ethisch moralische Empfinden höher zu stellen als das, was staatlich sanktioniert ist und dafür viel zu riskieren ist sicher der schwierigere steinige gefährliche Weg. Grüninger hat ihn Zeit seines Lebens nicht bereut.

  3. Danke für die Informationen.
    Manchmal bereut man ja seine guten Taten, weil die Konsequenzen erheblich waren, aber das scheint nicht der Fall zu sein.

    LG B.

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