„Ich schähme mich meiner Verurteilung nicht. Ich würde genau dassselbe wieder tun.“

Premieren machen mich selten nervös. Ich fühle ein angenehmes Aufregungsniveau und ein prickelndes Vergnügen – wie wenn man lange an einem Bild gemalt hat und dann endlich auf einer Vernissage das verhüllende Tuch vor den Augen des Publikums herunterziehen darf.
Gestern war ich nervös.
TOI, TOI, TOI – Gedenktafel als Premierengeschenk… in der Schweiz natürlich mit chocolate inside.

 

Gestern hatte die Geschichte eines Mannes Premiere, der mehr als 3000 Menschen das Leben rettete und dafür in seiner Zeit „Charakterdefizite im Sinne fehlender Hemmungen“, sogar „geistige Störungen“ bescheinigt bekam. Seine Rehabilitierung in neuerer Zeit erfolgte gegen zähe Widerstände und quälend spät.  „Paul Grüninger – ein Grenzgänger“ basiert ausschließlich auf Originaldokumenten, deren Auswahl und Zusammenstellung eine mehrjährige Mammutaufgabe unserer Dramaturgin Nina Stazol und unserer Regisseurin Elisabeth Gabriel darstellte. In unserem Zuschauerraum hatten sich Menschen versammelt wie der Historiker Stefan Keller und der Rechtsanwalt Paul Rechsteiner, deren Arbeit und Engagement maßgeblich dazu beitrugen Grüningers Rehabilitierung zu ermöglichen. Sein Enkel Dieter Roduner war ebenfalls unter den Premierengästen – allein das ist für Schauspieler ungewohnt und besonders… die Familie von Maria Stuart oder Henry V ist nie anwesend.
Bereits nach der ersten öffentlichen Probe erreichten das Theater Zuschriften, die unsere Dramaturgin bewogen die Aktion „Dunkles Erinnern“ ins Leben zu rufen weil sie deutlich machten, wie persönlich berührt die Menschen auf diese Inszenierung ansprachen. Die Matinee war mehr als gut besucht und ein weiteres Zeichen dafür, dass dieser Theaterabend von vielen mit großem Interesse erwartet wurde. Der Weg in diesen Abend war lang. Inhaltlich umfaßt er einen Bogen von 1938 bis 2012. Jahrelang wurde er am Theater vorbereitet. Rund fünf Wochen hatte das siebenköpfige Ensemble, verstärkt durch zwei wunderbare junge Laienkollegen, schließlich Zeit zu Leinwänden  dieser Theaterdokumentation zu werden, rund 60 Rollen zu jonglieren und das Kalaidoskop aus Zeitfragmenten zusammenzufügen.
Mehr als genug Gründe dieses Mal doch nervös zu sein und mehr als ohnehin immer zu wollen, dass dieser Abend so besonders auf die Bühne kommt, wie es seiner Geschichte angemessen ist.
Wie spielt man eine Dokumentation auf einer Bühne? Wie abstrahiert man ohne zu entmenschlichen? Wie dosiert man das Bühnengeschehen so, dass die Betroffenheit nicht auf der Bühne stattfindet, sondern im Zuschauerraum? Der Probenweg war kein einfacher. Elisabeth Gabriel hat den Texten vertraut, das reale Geschehen aufgefädelt und darauf gebaut, dass Wirklichkeit keine Effekte braucht, keine zusätzliche Farbe… nur die Konzentration, Kraft und das situative Bewußtsein eines Ensembles.
Ensemble… vielleicht das Schlüsselwort dieses Abends. Wir starten alle im gleichen Kostüm – schwarze Schuhe, schwarze Hosen, schwarzes Oberteil, Hosenträger. Am Premierenabend trug unsere Regisseurin schwarze Schuhe, schwarze Hose, schwarzes Oberteil, Hosenträger. Eine charmante optische Geste, die sehr bezeichnend ist für die Arbeitsatmosphäre, die diesen Abend möglich gemacht hat.
In St.Gallen ist es üblich, dass das Premierenpublikum anschließend noch bleibt, auf einen Snack, ein Getränk und Gespräche und dann ist es Aufgabe des Schauspieldirektors eine Rede zu halten. Er bedankt sich stets sehr vollständig. Er vergißt keine Gewerke, er findet Worte für jeden einzelnen. Als es an die Darsteller kam hob Tim Kramer zu Recht unsere jungen Laienkollegen und ihre Leistung hervor. Die Schauspieler des Hauses aber rief er zusammen und gemeinsam nach vorne. Eine ebenso schöne wie stilsichere Entscheidung nach einem Theaterabend dessen Kernsubstanz Teamwork und Ensembleleistung ist.
Das Publikum bedankte sich beim Ensemble bereits zuvor auf berührende Weise. Als wir zum dritten Mal nach vorne kamen standen sie auf und applaudierten stehend.

SRF Tagesschau-Bericht

Radio SRF Reportage

ORF Kulturbericht

 

11 Gedanken zu „„Ich schähme mich meiner Verurteilung nicht. Ich würde genau dassselbe wieder tun.“

  1. Ich habe die Kritiken gelesen und es freut mich immer wieder, wenn gerade bei einer Premiere die Leistung der Schaupielerinnen – und Schauspieler vom Publikum mit viel Beifall und Achtung von Anfang an bedacht wird. Bei einer Premiere wird die „Aufregung“ am größten sein und niemand weiss, wie das Publikum das Theaterstück annimmt. Im Laufe der Spielzeit kann man sicher ein paar Dinge verändern und verbessern, aber schon so manche positive „Hochrechnung“ im Vorfeld über ein Theaterstück verlief enttäuschend. Das Publikum entscheidet!
    Eine sehr gute Geste finde ich, dass das Publikum nach der Premiere noch Gelegenheit hat, mit den Akteuren zu sprechen und zu diskutieren. Das kenne ich so nicht, aber vielleicht war ich noch nicht bei der richtigen Premiere. Das wird sicher der Grund sein!
    Also ….. viel Erfolg weiterhin und immer ein volles Haus …..

    L´G Brain

  2. Dieses Stück hat die Zielgruppe 15+. Es läuft zu allen Zeiten, um 10 Uhr, 14 Uhr, 17 Uhr, 20 Uhr… wir hatten schon während den Proben zweimal Besuch von unserer „Premierenklasse“… eine Schulklasse, die den Probenprozess verfolgt und auch vorgestern die Premiere besucht hat. Zu Vorstellungen wird es immer wieder Gespräche geben.
    Wenn man ein Stück ansetzt, das im glücklichsten Fall Redebedarf und Fragen aufwirft, dann ist es natürlich schön, wenn man dem dann auch nachgehen kann. Dieses Ritual nach einer Premiere gibt es an einigen Häusern, mal funktioniert es gut, mal eher nicht – in St.Gallen scheint das Publikum es sehr zu mögen und so klappt das prima.
    Und ich genieße sowas sehr… weil das auch ein Vorteil ist an Theater im Gegensatz zu Film und Fenrsehen. Dort würde ich nicht mitkriegen, was Leute denken nach der Ausstrahlung oder dem Kinobesuch. Im Theater kann man Diskussionen ansetzen, Gespräche führen, Menschen treffen ganz anders aufeinander. Ich hab‘ diese Rückmeldung gern, egal, wie sie ausfällt.
    Heute spielen wir um 14 Uhr und ich rechne mit einer anderen Publikumszusammensetzung. Kriegen wir die Zuschauer auch, wenn sie eine ganz andere Generation sind als jene, der die Kriegszeit nahe ist? Können wir uns gegen schnellgeschnittene effektanimierte Sehgewohnheiten durchsetzen? Das wird sicher spannend und da bin ich neugierig.

  3. Also, wenn ich deine Zeilen lese, muss ich sagen, dass dieses Angebot, Proben zu besuchen, dort die Schauspielerinnen / Schauspieler live zu erleben, im Vorfeld über das Stück zu reden ein „gigantisches“ und auch großzügiges Angebot des Theaters ist. Das habe ich nocht nicht erlebt. So bekommt man aber Fans,auch Stammzuschauer und unter Umständen findet der eine oder andere junge Zuschauer Gefallen an dem Beruf der Schauspielkunst. Ohne vorherige, fundierte Kenntnisse ist es immer leicht gesagt, ich werde Schauspieler. Das ist nicht einfach, wenn wir von der Bühne reden, aber wer weiss das besser als du?
    Gemischtes Publikum hat seinen Reiz. Sicher werdet ihr auch die junge Generation begeistern können. Und … bei Veränderungen von Sehgewohnheiten muss man einfach Geduld zeigen. Nichts gelingt durch Hektik und schon gar nicht sofort. Sicher …. eine spannende Aufgabe ist das schon und in sofern
    ist deine Neugierde berechtigt. Effektanimierte (welch in Wort, habe ich zweimal gelesen) Vorstellungen auf der Bühne kann es auch geben, oder?

    LG Brain

  4. Man kann auf einer Bühne sicher nicht mit Industrial Light and Magic mithalten – aber das ist ja auch nicht die Absicht. Gleichwohl kann man eine Menge Effekte bieten… muss man aber nicht. In diesem Fall gibt es ein sehr hilfreiches und, wie ich finde, geniales Sounddesign, das uns begleitet und viel zur Atmosphäre beiträgt. Ansonsten gibt es Licht und uns… muss reichen. 😉

  5. Gratulation! Das Ganze hört sich auf ganzer Linie sehr richtig an, von der Idee bis zur Umsetzung. So ein Unterfangen halt viele Fallen parat, in die man tappen kann. Es ist eine ungeheure Recherche-Leistung, das Material zusammen zu tragen. Eine Auswahl zu treffen. Zu entscheiden, welcher Aspekt beleuchtet und welcher vernachlässigt wird. Und in der Umsetzung dem dokumentarischen Charakter treu zu bleiben. Das Risiko einzugehen, daß das trocken ist. Und darauf zu vertrauen, daß die Fakten, das Material, für sich sprechen. Wenn man sich dem Thema in der Arbeit als Ensemble stellt. Und sich berühren lässt von den Geschehnissen. Das das eine Wirkung hat. Ich ziehe den Hut, es ist Euch gelungen, soweit sich das aus der Ferne beurteilen lässt. Also: Herzlichen Glückwunsch!!!

  6. Danke Dir! 🙂
    Gestern hatten wir ja die erste Vorstellung nur vor Schülern und ich war sehr neugierig, wie sie auf diesen Stil ansprechen würden. Da war unser Zuschauerraum also angefüllt mit gutgelaunten Jugendlichen. Während wir hinter der Bergkulisse auf den Beginn warteten konnten wir einen wabernden Soundteppich aus regen Unterhaltungen hören. Sie blieben auch sehr entspannt den ganzen ersten Anfang. Sie haben gelacht bei den Stimmen der Straßeninterviews, fanden lustig, dass wir Kurze kippen und Karten spielen und Fußball kicken – und dann Aufmarsch zur „Kristallnacht“. Klirren, Tonfragmente, Videoprojektion, Propagandastatements… auf einmal völlige Ruhe im Zuschauerraum. Völliger Stimmungswechsel. Als würden alle kollektiv innerlich zusammenzucken – ganz kalt erwischt. Das war bis auf die Bühne spürbar.
    Und danach blieben sie sehr bei uns.

  7. Scheinbar geht es im Theater St. Gallen leicht, locker und interessant zu. Das Publikum wird eingebunden und bekommt eine Menge von den Akteuren auf der Bühne, nach der Vorstellung, oder auch davor mit.
    Ich erwähnte das schon einmal, dass ich diese Verfahrensweise aus dem „steifen Hamurg“ nicht kenne.
    Mir fiel dazu noch etwas ein. Was sagtes du mal zu mir? Flug buchen, kurze Zugfahrt, Karte kaufen und Theater sehen und erleben !! Ich glaube, ich habe keine andere Wahl……………aber nur, wenn du mit auf der Bühne stehst!!

    LG Brain

  8. Leicht und locker… klingt ein wenig nach Schokoladenriegelwerbung… 😉
    Aber mein Empfinden ist tatsächlich, dass das Theater einen guten und gewollten Platz einnimmt in St.Gallen.

  9. Nun, ich durfte großartigerweise dem Probenprozess in Form einer Durchlaufprobe einige Tage vor der Premiere beiwohnen. Es stimmt, dokumentarisches Theater ist eine sehr spezielle Aufgabe, auch weil es Gefahr laufen kann, zu sperrig zu werden durch die zu einem großen Teil im Nachrichtenformat verfassten Texte. Was ich gesehen habe, war eine betrachtenswerte Mischung aus sachlicher Dokumentation, plastischen Bildern, humorigen (Alltags-)Szenerien und auch einigen sehr berührenden Figuren, die einladen, sich zu identifizieren. Ich mochte übrigens den unverkitschten Umgang sowohl mit der Grüninger-Figur als auch mit dem Flüchtlingsthema. Und ja, atmosphärisch passiert ungeheuer viel, ohne dass viel „gemacht wird“. Und das ist ja das Besondere an Theater, dass es das kann.

  10. Wenn man sich als Zuschauer Themen aussetzt, die weder lieblich noch Entertainment sind, dann nutzt man eine überhöhte Gestaltung gerne als innere Fluchtmöglichkeit. Im Sinne von: „Das ist ja Darstellung!“. Man kann die kreative Deutung zwischen sich und die Handlung schieben.
    Mir ging das so, als ich zum ersten Mal Farbfilme aus dem zweiten Weltkrieg sah. Die gängigen Schwarzweißbilder erlaubten mir den Inhalt klar der Vergangenheit zuzuordnen, das schützte in der Auseinandersetzung. Und dann sah ich lange Aufnahmen, die ein amerikanischer Kameramann gemacht hatte, in Farbe – und die Bilder wirkten verstörend alltäglich heutig, die Farbe nahm mir eine Distanz.
    Theater ist in Farbe, Theater ist live, Theater ist 3D und in diesem puren Stil der Dokumentation bleiben wenig Fluchtmöglichkeiten. Das erlaubt einen Zugriff… wechselseitig.

  11. Ich glaube aber auch, dass gerade im Zusammenhang mit schweren Themen das (an sich ja unerwartete) Auftauchen von Leichtigkeit die Berührung noch stärker macht. Vielleicht weil der Kontrast – oder überhaupt das Vorhandensein einer Leichtigkeit angesichts unfassbarer Tragik – kaum auszuhalten ist. „Das Leben ist schön“ funktioniert zum Beispiel so. Es ist zehn Jahre her, dass ich den Film im Kino sah, und es ist bis heute der für mich anpackendste, existentiellste unter den fiktiven Filmen, die über Konzentrationslager gedreht wurden.

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