Fürth II: I’m walking… yes, indeed, I’m walking…

Was hat man, wenn rund 4000 Menschen sich treffen um gemeinsam zu schwitzen und Endorphine auszuschütten?

Um Gottes Willen, was denken Sie denn jetzt… ???

Sowas nennt sich Laufevent, findet manchmal auf mehrere Tage verteilt statt, wobei der Marathon natürlich die hohe Weihe aller Laufwettbewerbe darstellt. In seinem Spülsaum finden Kidsläufe statt, man kann 5km oder 10km laufen, natürlich auch den Halbmarathon, man kann auch 10km Nordic Walking betreiben.
Obwohl ursächlich, und ich betone hauptsächlich, angetreten um eine wundervolle Kollegin, deren Begabung mich seit 18 Jahren entzückt und berührt, als „Marianne“ beim „Raub der Sabinerinnen“ über die Bühne toben zu sehen verband sich diese Gelegenheit zufällig mit der Möglichkeit an den Wettbewerblichkeiten rund um den Metropol Marathon in Fürth teilzunehmen.
Ich sage absichtlich „rund um“, denn obwohl ich als Schauspielerin natürlich eine gewisse Vorliebe für griechische Legenden habe und mich diese Geschichte „Erfolgreiches Schlachtgetümmel – Boten losschicken – rennen – rennen – rennen – Bote trifft ein – Bote japst „Sieg!“ – Bote bricht zusammen“ dramaturgisch dramatisch sehr anspricht… ich halte Marathonläufer für bewundernswürdige Wahnsinnige.
Da ich in letzter Zeit eine faule Socke war entschied ich mich gegen das laufen und für das 10km walken. Seit 2008 kann ich da auswählen. In dem Jahr schleuderte ich als begehrlich wilde „Brunhild“ meinen königlichen „Bezwinger“ leidenschaftlich auf seinem Thron in einem Halbkreis um mich über die Bühne… verhakte meinen Fuß dabei im altdeutschen Holzfußboden und animierte meine Kniescheibe mitten in einer der ersten Vorstellungen dazu kurzzeitig die für sie vorgesehene Knorpelschiene zu verlassen. Sofortige Beugungsunfähigkeit des Knies und spontaner Umbau einiger körperlich gewagter Aktionen. Am nächsten Morgen wurden überdehnte Sehnen und ein Bluterguss im Knie diagnostiziert – und noch massenweise tägliche „Nibelungen“-Vorstellungen vor der Nase. Juhu. Das Knie wurde verbandstechnisch stillgelegt, unüberspielbar. Also verpaßte ich der ohnehin gewaltbetonten Brunhild einen blutigen Verband und integrierte die Beugungsunfähigkeit in die Darstellung – witzigerweise stellte sich heraus, dass dieser eigentlich hinderliche Aspekt darstellerisch eine Bereicherung wurde, da sowohl „Brunhild“ als auch Silvia Rhode gegen dieses körperliche Defizit anspielen mussten und sich ganz neue raffinierte Verlagerungen von Wildheit eröffneten – auf die ich ohne den Schlamassel nie gekommen wäre.

Nicht eine Vorstellung fiel aus… aber joggen war tabu.
Das führte zu einer beständig anwachsenden körperlichen Unausgeglichenheit mit Grundzügen von persönlicher Unausstehlichkeit. Zum Schutz meines eigentlich annehmbar freundlichen Wesens lernte ich Nordic Walken.
Inzwischen laufe ich wieder, auch in Wettbewerben. Aber wenn ich gerade nicht sauber austrainiert bin, dann habe ich heute die Freiheit der Wahl… und überhole mit 7km/h Walkgeschwindigkeit angelegentlich sogar Freizeitläufer.
In Fürth war diese Wahl goldrichtig – wie sich später herausstellen sollte.
Das Hotel lag gewissermaßen im Epizentrum des Geschehens, Start/Zielbereich in Sichtweite, lustige Mikrophon- und Musikbeschallung inklusive. Ab 9 Uhr begucken wir minutenlang vom Hotelfenster aus wie rund 2000 Halb- und Marathonläufer/innen an uns vorbei auf die Piste traben… da ist es, gelinde gesagt, bereits freundlich warm. Wir gehen erstmal frühstücken. Das Hotel ist voll von Menschen in Sportklamotten, freundliches zunicken von unbekannt an unbekannt. Gegen High Noon verklebe ich an meinen Füßen einige im Training erworbene Blasen, präpariere mich in ein Outfit, das besagen soll „So wie ich aussehe bin ich schneller als du!“ (Kostüme sind wichtig!!!) und wir begeben uns an die Strecke.
Inzwischen sind es 29 Grad. Die Läufer und Walker starten gemeinsam auf ihre 10km-Strecke. Der Mann am Mikrophon ermahnt die Läufer vorzulassen und die „langsamen Walking-Schnecken sollen sich dahinter aufstellen“ (O-Ton). Sonja steht an der Startlinie und denkt sich grinsend „Oh oh, das wird Silvia nicht gefallen.“ Recht hat sie! Ich habe hinten in der Masse gestanden, auch gegrinst und gebrüllt „Ich zeig‘ dir gleich mal wer hier langsam ist!“. Sowas!
Zehn Kilometer sind eigentlich eine schöne Länge, man kann damit gut herumspielen. Es sei denn man verbringt sie auf Asphalt und Kopfsteinpflaster in brüllender Hitze. Das macht mürbe. Die meisten, der vor uns gestarteten Läufer laufen längst nicht mehr, sie haben sich ebenfalls auf’s gehen verlegt, ich sammle sie von hinten ein. Mit ein wenig innerer Zufriedenheit, das muss ich eingestehen. An jeder Versorgungsstation landet ein Becherinhalt in meinem Magen, ein zweiter wird zur Dusche genutzt, an einem öffentlichen Brunnen baggere ich im walken zwei Hände voll Wasser aus dem Becken und klatsche sie mir ins Gesicht, in der aufgebauten Sprühdusche auf der Strecke laufe ich einen Schlenker, mitleidige Hausbesitzer, Passanten stehen mit Gartenschläuchen und Wasserpistolen an der Strecke und sorgen für Abkühlung – und es ist trotzdem noch mörderisch heiß. Das Wasser läuft in meine Schuhe, durchweicht das Tape und die Blasen melden sich bei jedem Schritt, hinterlassen den subjektiven Eindruck von laufen auf rohem Fleisch… sehr lustig.

Irgendwann ist Ziel. Irgendwann ist immer Ziel, darauf kann man sich verlassen. Und das fühlt sich dann großartig an. Ein bißchen wie nach einer wirklich gelungenen Premiere. Wahrscheinlich sind an beidem sogar die gleichen körpereigenen und vollkommen legalen Drogencocktails beteiligt.

Ich bekomme meine Medaille, humple grinsend zur Chipabgabe und hole mir meine Urkunde mit persönlicher Nettozeitangabe ab. 1:27:07h, da war ich schon mal schneller, aber für die Umstände ok. Die gemeinsame Ergebnisliste der Läufer und Walker vermeldet für die 10km 282 Finisher. Ich bin auf Platz 81. Das sind 80 zuviel, ja gut, aber 201 Männlein und Weiblein, Läufer und Walker trudeln hinter mir ein. Sie laufen immer noch über die Ziellinie, als wir langsam, auf meinen Wunsch ganz langsam, ins Hotel zurückgehen.
Warum macht man sowas? Lassen Sie mich mit einem Filmzitat antworten. Da sagt Claude Rains in „Lawrence von Arabien“ zu Peter O’Toole „Es ist bekannt, dass Sie eine seltsame Auffassung von Spaß haben.“.
Und, oh ja, das war ein Spaß!

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