Offener Brief an einen VIP-Hundeprofi

Posted 106 Kommentare


Sehr geehrter Herr Rütter,

bisher war ich immer recht angetan von Ihrer Arbeit. Das betrifft die gewaltfreie Konsequenz der Erziehung ebenso, wie Ihre Einschätzungen des jeweiligen Problems und die Verhaltensumbildungen, welche sie den Hundehaltern nahelegen. Und ebenso wie Sie bin ich der tiefverwurzelten Meinung, dass die Ursache der meisten Probleme auf zwei Beinen herumläuft und keine Pfoten hat.
Nun lese ich eine Aussage, die Sie bereits 2008 getätigt haben:
Über die Gefährlichkeit von Kampfhunden und deren Besitzer will er dabei erst gar nicht reden. „Man muss danach fragen, was das für Menschen sind, die sich solche Hunde halten“, so sagt er dann aber doch. „Es sind meist Depravierte, die wohl ihre eigenen Gründe haben.“
Das mit dem „depraviert“ musste ich nachschlagen, es bedeutet: verdorben, verkommen, verunstaltet.
Aha, ich bin also „depraviert“… wahrscheinlich sogar „hyperdepraviert“, denn ich bin nicht nur bekennender Fan der „Listenhunde“ (so die korrekte Bezeichnung der von Ihnen gemeinten Hunde – die ich übrigens vorzugsweise und gut begründbar „Kampfschmuser“ nenne), sondern auch Mitglied eines Tierschutzvereins, der sich die Aufnahme und Vermittlung dieser Hunde in die Statuten geschrieben hat.
Aber rollen wir das Feld von vorne auf. „Kampfhunde“… was ist das eigentlich für eine Rasse? Ich muss doch keinem Hundeprofi, der bereits von einem Chihuahua berammelt wurde was das Zeug hält, erklären, dass dies ein dehnbarer Begriff ist, bei dem sowohl böswillige, als auch unwissende Hundehalter dafür sorgen können, dass er zutrifft.
Mit „Kampfhunden“ meinen Sie also „Listenhunde“… Wikipedia führt unter diesem Begriff 16 Rassen, welche Sie also subsummierend in einen Topf schmeißen… auch das sollte sich ein Hundeprofi nicht unbedingt erlauben. Oder wollen Sie ernsthaft behaupten, dass ein Anatolischer Hirtenhund, die „Pinscherweiterentwicklung“ Dobermann, die „Scott und Huutch“ Bordeauxdogge und der quirlige Staffordshire Terrier deckungsgleich sind in ihren Eigenschaften?
Depravierte können lesen… ich möchte aber darauf verzichten Sie mit Gutachten und Studien von veterinärmedizinischen Fakultäten von Kiel bis Wien zu bewerfen, die allesamt die Lehrmeinung vertreten, dass „Eine valide wissenschaftliche Studie, in der zweifellos nachgewiesen wurde, dass bei den Rassen Pit Bull Terrier, American Staffordshire Terrier und Bullterrier die genetische Veranlagung des krankhaft übersteigerten Aggressionsverhaltens grundsätzlich vorhanden ist, existiert meines Wissens nicht. (Prof.Dr.Irene Stur)“.
Das ist aktueller Stand der Wissenschaft… und kontrapunktiert Ihre wissenschaftlich unhaltbare Verallgemeinerung von Rassen und Haltern.
Seit 1993 konnten in den Niederlanden „pitbullartige“ Hunde beschlagnahmt, abgeurteilt und getötet werden… ohne jegliches Fehlverhalten, aufgrund ihrer Rassezugehörigkeit und der RAD-Verordnung. 2009 bescheinigte eine Kommission 109 Seiten lang, dass diese Verordnung die Beißstatistik in keinem Jahr verändert hat und schaffte sie ab. Tausende von Hunden haben bis zu dieser Erkenntnis nicht überlebt – aufgrund haltloser Vorurteile, wie Sie sie ebenfalls propagieren.
Lieber Herr Rütter, ich arbeite nun seit sechs Jahren mit Listenhunden, ich habe mich während eines Hundepraktikums mit dem, laut Bildzeitung, „gefährlichsten Hund Deutschlands“ namens „Sugar“ um ein Gummihühnchen gebalgt… ich müsste tot sein.
Tatsächlich bin ich in dieser Zeit mal fies verletzt worden. Ich habe in eine sich abrollende Flexleine gegriffen, als der Stafford am anderen Ende gerade einem von mir geworfenen Ball hinterher spurtete… Mann, hat das weh getan! Aber Dummheit muss bestraft werden und ich hab’s seitdem auch nie wieder getan…
Ob Listenhunde kämpfen? Ja! Eindeutig ja! Gegen Vorurteile, überhöhte Hundesteuer, um Liebe und Zuneigung, manchmal gegen Übergewicht.
Ob es ein Klientel gibt, dass diese Hunde zur Kompensation eigener physischer und psychischer Defizite mißbraucht und in deren Händen ich diese Hunde nicht gerne sehe? Auch ja! Aber in deren Händen will ich überhaupt keinen Hund sehen, weil das Ergebnis dieses Hintergrundes rasseunabhängig immer ein gefährlicher Hund wäre.
Was Ihre oberflächliche und beleidigende Äußerung hingegen völlig ignoriert ist der weitaus größere Anteil von Hundehaltern, die Listenhunde als Familienhunde halten, als Rudelmitglied. Die das stressfeste, gelassene, menschenzugewandte, kinderliebe, verspielte und intelligente Wesen dieser Rassen schätzen, die alle Auflagen bewältigen, die sich zu hunderten auf Sommerfesten treffen, mit Kind, Hund und Kegel… was Ihrer Theorie nach in einem gigantischen Hundekampf ausarten müsste… und die, so wie ich, irgendwann mal einen verwirrt verängstigten Staff trösten müssen, weil ein neurotischer Westi sich in seiner Lefze verbissen hatte.
In meiner Tierheimarbeit habe ich „Kampf“-Hunde getroffen, die allen Grund hatten Vorurteile gegen Menschen zu entwickeln. Sie wurden zum verhungern an Heizungen gekettet, geprügelt, geblendet, mißhandelt auf so viele unterschiedlichen perfiden Weisen, wie sie nur ein Menschengehirn erdenken kann. Die meisten von ihnen habe ich in neue, liebevolle Hände fortziehen sehen. Sie alle hatten die Größe sich neu einzulassen, Menschen nicht zu verallgemeinern, ihre bestialischen Erfahrungen nicht in ein Vorurteil zu verwandeln.
Wieso kann ein Hundeprofi weniger als jene Hunde, die er diffamiert?

„Eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle.“

Posted Schreibe einen Kommentar

Am 9. September 2001 war ich in Dessau engagiert. Wir hatten gerade Endprobenwoche "Die Feuerzangenbowle", sie sollte am 14. September Premiere haben… sollte, die Premiere wurde dann verschoben.
Wir hatten einen Durchlauf und ich wartete oben bei den Garderoben auf meinen nächsten Auftritt, als die Nachricht kam, dass ein Flugzeug in das World Trade Center gestürzt war.
Unfall, ein schrecklicher katastrophaler Unfall… so unser erster Gedanke. Dann kamen die anderen Flugzeuge. Die Probe wurde unterbrochen.
Ich ging mit einigen Kollegen und meinem Lieblingsdramaturgen in die Dramaturgie, dort lief der Fernseher und ich sah zum ersten Mal die Bilder zu den Nachrichten.
Surreale Bilder. Bilder, wie man sie gewohnt ist aus Kinofilmen, die sich dramatische Spezialeffekte leisten können. Bilder, wie man sie nicht fassen kann, wenn sie das Wissen in sich tragen, dass sie die Wirklichkeit abbilden.
Was ich aber genauso unauslöschlich erinnere sind die Bilder von feiernden Menschen. Jubelnden Menschen. Menschen, die die amerikanische Fahne auf den Straßen verbrannten, Männer die Freudenschüsse in die Luft feuerten, tanzende Frauen, Kinder, die die Hände triumphierend Richtung Himmel streckten, lachend. Ein Fest angesichts der zu Feuerbällen gewordenen Flugzeuge. Ein Fest des Hasses. Diese Bilder waren nicht minder surreal.

Heute habe ich sie wieder gesehen.
Es wurden keine amerikanischen Fahnen verbrannt, sie wurden geschwenkt. Es gab keine Schüsse, aber kollektives high five. Jubelnde Menschenmassen auf den Straßen, Chöre skandieren "USA, USA!", die Menschen tanzen, springen, tragen sich gegenseitig auf den Schultern, lachen und feiern ekstatisch.
Ein saudi-arabischer Terrorist wurde in Pakistan nach 10 Jahren von den Amerikanern hingerichtet – und die feiernden Menschen auf den Straßen sprechen von Gerechtigkeit, Gott und Glück.
Der überwiegende Anteil der Medien, Politiker aus aller Welt, inklusive unserer beglückwünschen die Amerikaner zu dieser Leistung. Eine Verhandlung hat nicht stattgefunden, ein Gerichtsurteil wird es niemals geben – aber das Urteil wurde vollstreckt.
Und mir fällt schon wieder nur ein einziges Wort ein… surreal.

Die Mauerschau des Osterhasen

Posted 1 Kommentar

Teichoskopie… das klingt nach einer HNO-Untersuchung. Tatsächlich aber bin ich Fan dieser Erfindung. Erlaubt sie es doch alles denkbare und undenkbare mitten auf die Bühne zu holen und das ganz ohne Animation, Special Effects und gigantischer Überstrapazierung des Bühnen- und Kostümetats.
Wird diese Mauerschau dann auch noch von einer Kollegin/ einem Kollegen dargeboten, die/der des plastischen Sprechens mächtig ist… dann schmelze ich in größter Wonne dahin und meine eigene Vorstellung fängt an Schlachten, Ungeheuer, wahnwitziges Getümmel und was dergleichen möglich ist mitten in die Bühnenhandlung zu zaubern.
Was aber wenn diese Mauerschau vom Osterhasen abgehalten würde?
Was, wenn sie den Anlaß des heutigen Feiertages beschreiben würde?
Aus seiner Sicht?
Ich habe mich entschlossen, dieser Frage mal nachzugehen… eine gewisse Subjektivität und Bibeluntreue mag in der Perspektive des Mauerschauenden begründet sein:

„Kaum seh‘ ich die Sonne sich erheben über den Platz, das Grab in Lichte tauchend, da seh‘ ich auch schon Menschenweibchen ihres Weges kommen… zu schauen nach dem viel zu früh Geschiedenen.
Und wahrlich spürt die Erde sich erzittern, dass die Tunnel aller Hasen wohl dem Untergang geweiht, ein mächtig Beben, das die weichsten Pfoten noch erschüttert. Und, die blitzend weiße Lichtgestalt, die dort vom Himmel niedersinkt, fast mag man glauben, dass sie übergroße Ohren hätt‘, doch nein, sind Flügel und es scheint ein Engel wohl zu sein, der einem Federstreiche gleich den Stein als wär‘ es ein Möhre von des Grabes Eingang schnell zur Seite rollt.
Die Wächter dieses Grabes fallen nieder, totengleich vor Angst… Angsthasen angesichts des mächtig Bild.
Der Engel aber spricht die Menschenweibchen an und sagt sie sollen bleiben und nicht der Hasenfüße gleich die Flucht ergreifen. Er wisse, wen sie zu schauen kamen, doch jener sei nicht länger in dem Grab, denn er sei auferstanden. Hingehen sollen sie, die Botschaft rasch verkünden, sie wispern in die Löffel aller Wesen, dass dieser Tag von nun an werde ein Tag zu feiern …mit Schokoladeneiern rund und süß, mit bunter Zuckerware und farbenfrohen Eiernestern.
Und dies wird der Osterhasen Gabe sein, nachdem sie Fuchs, Kuckuck, Hahn und Storch als Überbringer wohl verdrängen. Und siehe da… unsterblich wird auch er, der Osterhase.“

 

Offene Worte aus Saarbrücken

Posted Schreibe einen Kommentar

Die Schließung des großen Hauses, der Hauptspielstätte des Volkstheaters Rostock, von einem Tag auf den anderen und die daraus resultierende Situation war hier im Blog bereits mehrfach Thema. Nun hat sich das Saarbrücker Theater in einem offenen Brief treffend zu Wort gemeldet:

 

 

Offener Brief

Saarbrücken, den 14.04.2011

Sehr geehrter Herr Methling,
sehr geehrter Herr Leonard,
sehr geehrte Frau Dr. Melzer,
liebe Kollegen des Volkstheater Rostock,

mit Schrecken haben wir vernommen, dass das Große Haus des Volkstheater Rostock am 22.02.2011 mit sofortiger Wirkung und auf unbestimmte Zeit, geschlossen wurde. Die Begründung, dass nicht ausreichende Brandschutzvorkehrungen das Publikum und die Mitarbeiter des Volkstheater gefährden, erklärt diese Vorgehensweise. Dennoch fragen wir uns, wie das Haus weiterhin die Umsetzung des Spielplans gewährleisten kann, damit die Bürger/Innen der Stadt Rostock in den gewohnten Genuss von Kunst und Kultur kommen können.

Das Schließen von Spielstätten auf Grund von Sanierungsarbeiten, ist kein unüblicher Vorgang. Derzeit wird beispielsweise das Stuttgarter Schauspielhaus einer Sanierung unterzogen. Der Spielbetrieb wird gewährleistet, indem übergangsweise eine alte Industriehalle genutzt werden kann. Ein anderes aktuelles Beispiel ist das Theater Heidelberg, das für einen Zeitraum von drei Jahren u.a. in einer alten Feuerwache seine Arbeit fortsetzt. Diese Häuser hatten ausreichend Zeit, sich auf diese Ausnahmesituation vorzubereiten.

Jeder von uns kann sich jedoch ausmalen, dass die Entscheidung, das Große Haus in Rostock von einen auf den anderen Tag zu schließen, einen vernünftigen "Alternativ"-Spielbetrieb nur ausschließen kann. Wir entnehmen dem aktuellen Spielplan des Volkstheater, dass ein Großteil der Produktionen ausgelagert werden konnte. Dennoch müssen viele Vorstellungen ausfallen und wir befürchten, dass auf Grund der Vielzahl von Ausweichspielstätten die Besucherzahlen sinken; zur Zeit spielt das Volkstheater an neun unterschiedlichen Orten.

Als Schauspielensemble können wir es nicht nachvollziehen, dass in einer großen Stadt wie Rostock das Theater so offenkundig einem Verlust von Ansehen und Aufmerksamkeit preisgegeben wird. Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass Rostock sich auf diese Weise, über kurz oder lang, um eine Attraktion ärmer macht.

Wir wundern uns, dass diese Entscheidung auf der Ebene von Stadtpolitik und Theaterleitung durchgesetzt werden konnte, obwohl vorhersehbar ist, was ein Ausfall der größten Spielstätte für das Theater bedeutet.

Wir stellen uns die Frage, ob denn gar keine Alternative zu diesem Vorgehen diskutiert wurde?

Wie wir den Medien entnehmen können, liegt das Gutachten, welches die Mängel beschreibt, schon eine ganze Weile vor. Hätte man dieses Zeitfenster nicht nutzen können, um das Theater auf diese schwierige Situation vorzubereiten?

Darüber hinaus wundert uns, dass die Leitung des Volkstheater die Situation scheinbar anders bewertet. Denn nur so lässt sich erklären, warum auf die Probleme des Hauses öffentlich, vor allem überregional, bisher in einem nur unzureichenden Maße hingewiesen und kaum Stellung bezogen wurde.

Am Beispiel der Wuppertaler Bühnen und des Schauspielhauses in Hamburg wird deutlich, dass das Beschränken von Theaterarbeit eine große Solidarität unter Theaterschaffenden und -schauenden auslöst.

Warum, lieber Peter Leonard, meinen Sie als Intendant eines Theaters in dem nur noch sehr beschränkt Theaterarbeit möglich ist, dass ein Hilferuf nicht notwendig ist? Das verstehen wir nicht!

Da Kultur auf den Kürzungslisten der Finanzpolitik an erster Stelle steht, ist es um so wichtiger, die Öffentlichkeit auf die Situation in Rostock, aufmerksam zu machen.

Wir, das Schauspielensemble des Saarländischen Staatstheater Saarbrücken, möchten mit diesem offenen Brief unsere Solidarität mit den Mitarbeitern des Volkstheater Rostock bekunden. Wir machen damit kenntlich, dass auch uns die Schließung des Großen Hauses in Rostock angeht. Es betrifft nicht nur Kunst- und Kulturschaffende, deren Arbeitsplätze durch Theaterschließungen in Gefahr sind, es betrifft vor allem die Menschen der jeweiligen Stadt und der Region. Sie sind die Leidtragenden dieser Beschneidungen kultureller Arbeit.

Wir hoffen, dass auch andere Theater in Deutschland auf die Situation in Rostock aufmerksam werden und rufen dazu auf, sich unserer Solidaritätsbekundung anzuschließen und sich zu den Vorgängen in Rostock zu verhalten.

Das Schauspielensemble des Saarländischen Staatstheater Saarbrücken

Space for Space

Posted 2 Kommentare

Am 12.April 1961 startete Juri Alexejewitsch Gagarin mit Wostok 1 und einem gutlaunigen „Pojechali!“ (Auf geht’s) zum ersten bemannten Raumflug der Geschichte. Er umrundete unseren Planeten in 108 Minuten und landete dynamisch im Wolga-Gebiet. Dabei läutete er nicht nur das Zeitalter der bemannten Raumfahrt ein… fast wäre er auch ihr erstes Opfer geworden. Eine fehlerhafte Abtrennung der Landekapsel vom Rest des Raumschiffs versetzte beide, nunmehr unplanmäßig durch Kabel verbundene, Komponenten in eine unkontrollierte Rotationsbewegung. Erst die Reibungshitze des Wiedereintritts durchtrennte die Kabel und ermöglichte den glücklichen Ausgang der Mission. Gagarin wurde in den Rang eines Majors befördert, Nationalheld …und durfte nie wieder in den Weltraum fliegen. Zu gefährlich.

Das ist heute 50 Jahre her und die Nachrichten sind voll davon.

Am 12.April 1981, auf den Tag genau 20 Jahre nach dem ersten bemannten Flug in den Weltraum, stand das Space Transportation System mit dem Space Shuttle Columbia auf seiner Startplattform bereit für seinen Erstflug. An Bord John Young und Robert Crippen, Testpiloten der besonderen Art… denn obwohl in einzelnen Komponenten getestet konnte niemand vorhersagen ob das System als Ganzes funktionieren würde.
Die Columbia enttäuschte die in sie gesetzten Erwartungen nicht. Sie landete zwei Tage später erfolgreich und begründete das Zeitalter der wiederverwendbaren Raumschiffe.

Das ist heute 30 Jahre her und die Nachrichten erwähnen es nicht.

Und deswegen ist der 12.April 2011 ein gutes Datum für ein Outing. Ich bin Schauspielerin und Raumfahrtfan.
Ich bin Mitglied im Raumconforum, ich besitze original Trainingszeug der ESA, ich bin stolzer Sponsor von Copenhagen Suborbitals, ich kann ohne Bildunterschrift unterscheiden, ob ein Bild vom Mars Rover „Spirit“ gemacht wurde oder seinem Zwillingsbruder „Opportunity“… was wohl bedeutet, dass ich deutlich zuviel Zeit auf dem Mars verbringe und ich erscheine stilecht in diversen Shuttleshirts zum Regensburger Raumconstammtisch, wo ich mit anderen Weltraumverrückten hemmungslos das ATV mit dem HTV vergleichen kann, die problematische BX-Schaum-Haftung nach der Reparatur der Stringer im Bereich der Intertanksektion am ET diskutiere und gemeinsam mit ihnen die Augen verdrehe sobald jemand GUCP sagt.
Am Theater bin ich damit ein Exot und ziemlich allein. Falls es hier eine Kollegin oder einen Kollegen gibt, die/der das mit der GUCP verstanden hat… oh bitte bitte melden, sofort melden!!!
Unter Weltraumfans bin ich aber auch Exot… Schauspieler oder andere „Künstler“ sind in diesem technisch orientierten Genre rar.
Vorallem aber darf ich mich immer gleich für zwei subventionsgestützte Leidenschaften rechtfertigen, die das gleiche Imageproblem ihr eigen nennen: sie gelten als teuer und nicht wenige finden sie überflüssig.

Lassen Sie mich dazu beispielhaft zwei Dialoge kreieren und beginnen wir mit dem Raumfahrtklassiker:
„Sollten wir nicht erstmal die Probleme auf unserem eigenen Planeten lösen, bevor wir ins All fliegen?“
Dieser Satz wird meist in einem sanft mahnenden Tonfall geäußert mit Anklängen von Mitleid, dass man das Offensichtliche überhaupt anführen muss.
Ich halte dagegen, dass wir Magnetfeld, Wetter und Polkappen der Erde nur aus dem Weltraum wirklich im Blick haben und dass die NASA jedes Jahr zwischen 40 und 50 sogenannte Spinoffs veröffentlicht, also technologische Errungenschaften, die dank NASA verbessernd auf unserem Planeten eingesetzt werden.
Übliche Erwiderung: „Also MIR hat die Raumfahrt noch nie geholfen!“
Ich frage, ob man das Internet, das Handy, die Computernmaus, die Pamperswindel, die Wettervorhersage, Programmvielfalt im Fernsehen, Liveübertragungen, Navigationssysteme, Funktionskleidung, Rauchmelder, Taschenrechner, Akkubohrer, verspiegelte Sonnenbrillen, Klettverschlüsse, den Strichcode auf allen Produkten des Supermarktes, Brennstoffzellen oder einen Babyanzug gegen den plötzlichen Kindstod für sinnvolle Erfindungen hält?
„Äh, ja… schon…“
Made by NASA, ermöglicht durch Raumfahrt, Teil unseres Alltags.
Große erstaunte Augen.
„Ich wusste nur das mit der Teflonpfanne!“
Ok… Leute, ein für allemal… die Teflonpfanne ist KEINE Erfindung der Raumfahrt!!! Auch wenn alle das denken!!! Wahrscheinlich ist es ein Hörfehler… denn Kevler ist tatsächlich ein NASA Spinoff.

Führen wir nun den imaginären Theaterdialog. Er beginnt gemäßigter.
„Theater ist ja schon wichtig, aber für das Geld könnte man so viele Kindergartenplätze finanzieren.“
Ja könnte man, bestimmt. Und wer kommt dann zu den Knirpsen in die Kindergärten und spielt für sie vor Ort in Klassenzimmern, Turnhallen und Ruheräumen? Wo sehen sie ihr Weihnachtsmärchen? Wollen Sie „Peter und der Wolf“ als CD vorspielen oder sollen die Zwerge vom Klang eines Orchesters umgehauen werden, dessen Instrumente sie später genauer begutachten dürfen? Wissen Sie, wievielen verschähmten Lehrkörpern das Theater mit dem Klassiker „Was heisst hier Liebe?“ schon das Leben erleichtert hat? Apropos Klassiker! Wenn die Kinder dann älter werden – soll ihnen die germanistische Lehrkraft „Faust“ mit verteilten Rollen vorlesen oder sollen sie im Zuschauerraum herausfinden wie lebendig so ’ne komisch alte Sprache sein kann?
Man muss Kindern nicht nur eine Betreuung geben, sondern auch Begeisterung!
Dagegen ist dann meist schwer was zu sagen, man schwenkt von den Kindern weg und wird allgemeiner:
„Also ich geh‘ ja eher ins Kino oder sehe zuhause fern.“
Ja, das mache ich auch… aber ich möchte die Wahl haben. Übrigens, was meinen Sie denn woher der Pool von deutschen Darstellern kommt aus dem der „Tatort“ bis in die kleinste Nebenrolle fundiert besetzt werden kann? Lebt die Schauspiellandschaft durch das Fernsehen, das rare deutsche Kino? Oder ist das Fundament dafür doch eher die Bühne? Und sind es nicht auch Bühnenmenschen, die Ihnen ihre Arbeit schon vor der Premiere als Matinee und nach manchen Vorstellungen zur Diskussion vorstellen? Und sind Live-Geschichten nicht doch
ganz anders? Besonders? Ein Kinocenter wird schon mal auf der grünen Wiese gebaut. Wo das Theater ist, ist immer auch das Zentrum einer Stadt. Kultur, lokal, hautnah, das ist Theater. Was ist das wert?

Und plötzlich wird das mit dem zahlen und den Zahlen schwieriger.

Ganz ehrlich, die Hochkulturen vergangener Zeiten hätten uns belächelt. Die Maya, die Inka, die Ägypter, die Griechen besaßen detailierte astronomische Kenntnisse, hohe handwerkliche Fähigkeiten und schätzten ihre Kunst. Sie nannten das insgesamt Kultur. Sie wären vielleicht irritiert gewesen mit Zahlen zu berechnen was doch offensichtlich für eine hochentwickelte Gesellschaft nötig ist.

Wenn Kino Theater wird…

Posted Schreibe einen Kommentar

Am Theater interessieren mich Menschen. In all ihren Geschichten, Gefühlen, Entwicklungen, Verwebungen, ihren inneren und äußeren Mahlwerken und Zahnrädern.
Im Kino bin ich Mainstream… da darf es krachen, da dürfen Mäuse Meisterköche sein, da dürfen Laserschwerter geschwungen werden, da dürfen Aliens sabbernd Mrs. Weaver auf die Pelle rücken – alles, was zu Popcorn paßt.
Zwischen den beiden Seiten der darstellerischen Medaille gibt es eine Schnittmenge. Sie ist klein, sie ist erlesen, sie haut mich um. Es sind großartige, zeitlose, dichte, wundervolle Filme voller Sogwirkung und Strudel. Es sind Filme, die wie Theater funktionieren… nur dass man den Darstellern mit dem Objektiv ganz nah sein darf.
Ein Mann, der für diese Filme eine wundervolle Handschrift sein eigen nennen konnte, starb heute 86jährig in New York.
Sidney Lumet ließ seine Filmschauspieler proben wie für ein Bühnenstück. Er bestellte sie zwei Wochen vor Drehbeginn und ließ sie das Drehbuch chronologisch proben. Besessen von seinen Charakteren, verliebt in New York schuf er Filme, die ihre Menschen in den Mittelpunkt ihrer Geschichten stellen.
Viele seiner Darsteller wurden mit dem Oscar ausgezeichnet aufgrund der Leistungen, die sie unter seiner Regie entfalten durften. Er selbst musste bis 2005 auf seinen warten und bekam ihn für sein Lebenswerk. 2007 sagte er, angesprochen auf die lange Wartezeit für den Mann in Gold: "Ich wollte einen, verdammt noch mal, und ich fand, dass ich auch einen verdiene.".
Das ist fraglos.
Ein weiterer großer Filmemacher ist gegangen. Seine Werke faszinieren weiter.
Danke für viele begeisternde Stunden.

Smartmobs made in Rostock!

Posted 1 Kommentar

Macht es auf!

Samstags sind die Fußgängerzonen immer voll… manchmal sind sie voller. Und manchmal sind sie voller Theaterleute. Das nennt sich dann Smartmob und dieser Mob wischt durch die Rostocker Straßen, spielt auf, singt, tanzt, macht sich bemerkbar. Er verteilt ein Lächeln auf den Gesichtern der Passanten. Sie bleiben stehen, schauen, hören zu, lassen sich anstecken von einer Demonstration guter Laune mit dem die anwesenden Theaterleute und ihre Unterstützer sagen: hier ist euer Theater, hier ist Spielfreude, Spielfreude braucht Platz, gebt ihr Platz, gebt ihr ein großes Haus.

Das ist toll, das ist wichtig, das ist ein Schritt auf dem Weg zu verhindern, dass aus der bautechnischen Schließung von heute ein ensembleloses Bespieltheater für das Rostock von morgen wird.
Und trotzdem bin ich verwundert… wieviele Menschen arbeiten eigentlich am Volkstheater? Ist das wirklich so klein? Müssten da nicht viel mehr Menschen den Demonstrationszug bilden?
Ich komme aus dem Rheinland, ich will gar nicht nachrechnen wieviele Karnevalsumzüge und Schützenfestparaden ich miterleben musste. Rheinländer werden praktisch mit einem genetisch verankerten Grundwissen über menschliche Massenbewegungen geboren. Und liebe Rostocker, da ist mehr Masse möglich, da muss mehr gehen, da müssen mehr gehen… und zwar auf die Straße.
Der Zeitungsartikel schätzt rund 100 Demonstrationsteilnehmer, darin enthalten Freunde und Fans des Rostocker Theaters.
Heute beschäftigt das Volkstheater, dem Internet zufolge, etwa 350 Mitarbeiter/innen. Sagen wir mal rund 100 davon waren echt unabkömmlich. Bleiben 250. Allein geht man ohnehin nicht gerne demonstrieren und wenn es um den eigenen Arbeitsplatz geht, dann dürfen Kind und Kegel gerne mit… veranschlagen wir also weitere 200 Menschen, Partner, Freunde, Sprößlinge. Wir sind bei 450 Menschen. Die Hochschule, dem Theater in enger Partnerschaft verbunden, hat Ferien, das ist strategisch ungünstig, deswegen veranschlagen wir aus dem Bereich freies Theater und Hochschule nur knapp 50 Menschen – die 500 Demonstrationsteilnehmer sind somit erreicht. Hinzuzurechnen noch die Freunde und Förderer des Theaters, die Fans, Kulturverliebten und Bühnensüchtigen… beziffern wir sie mit ebenfalls 50.
In der Summe hätte diese Demonstration mindestens fünfmal größer ausfallen müssen, als sie stattgefunden hat.
Daraus ergibt sich eine Frage. Wo waren diese Menschen? Wo waren sie um dem Theater ihr Gesicht zu diesem wichtigen Anliegen zu geben? Wo waren sie um Rostock demonstrativ einzuladen seinen Ort des Geschichtenerzählens zu unterstützen?
Obwohl vielleicht nicht unangebracht und schwer sinnvoll… es gibt noch keinen Theaterschutzverein, der schützend an die Seite von Theatern springt, welche sich in einer Schieflage befinden. Theater schützen bleibt die Mission seiner Menschen, des Publikums genauso wie jedes einzelnen, der dafür sorgt, dass der Lappen hochgeht.
Na gut… es gibt ja immer Generalproben am Theater, bevor die Vorstellungen an’s laufen kommen. Und Generalproben sollen nicht optimiert funktionieren, das ist Theatergesetz. Theater bedeutet sich steigern. Immer mehr wollen, immer mehr machen. Und so gesehen ist das Gute: für die nächsten Demonstrationen ist noch Potential übrig. Potential an Zahl, an Masse, an Menschen, die ansteckend demonstrieren worauf Rostock nicht verzichten kann.

„Die Physiker“ 2.0

Posted Schreibe einen Kommentar

Ein Land, dessen Ernährungsgewohnheiten mich in Teilen anekeln, dessen Mentalität mir fremder ist als der Mond, dessen Kultur ich bewundere, dieses Land beeindruckt mich auf eine Weise für die ich nicht genug Worte des Respekts finden kann.
"Jetzt denk' doch nicht immer Erdbeben, Flutwelle, Vulkanausbruch!", sagt man, wenn jemand nicht übertreiben und die Kirche im Dorf lassen soll. Diesen Satz wird man nie wieder sagen können, denn die Ereignisse in Japan haben ihn erfüllt und um eine nukleare Katastrophe ergänzt.
Und dieses Land beeindruckt mich. Dort wo derzeit keine akute Gefahr besteht ebenso wie inmitten kriegsähnlicher Verwüstung und im Angesicht der Angst vor einer möglichen partiellen oder vollständigen Kernschmelze in drei Reaktoren.
Die Medien saugen die Bilder aus Japan auf, bereiten sie auf, verwirbeln sie, machen sie massentauglich, durchsetzen sie mit Tschernobylvergleichen, wollen Prognosen für einen Präzidenzfall mit dem niemand Erfahrungen haben kann.
Die Atomwerksbetreibergesellschaften sagen weltweit, was ihre Kollegen in Japan vor einer Woche nicht anders formuliert hätten. Politiker weltweit versichern die rigorose Überprüfung der landeseigenen Nuklearreaktoren.

"Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen"
(Dürrenmatt, in "21 Punkte zu den Physikern")

Eine Naturkatastrophe ist ein menschenunbestimmbarer Zufall, wo sie geschieht ist menschenunbestimmbarer Zufall… was sie trifft ist es nicht und sie hat eine Technologie getroffen, die uns keinen Spielraum gibt für Zufälle, Katastrophen und Fehler.

"Alles denkbare wird einmal gedacht. Jetzt oder in der Zukunft."
(Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd in "Die Physiker")

Das ist wahrscheinlich wahr. Menschen können mit dem denken schlecht aufhören. Manchmal können sie mit dem gedachten aber auch schlecht umgehen.

"Gewisse Risiken muss man schliesslich eingehen.
(Ernst Heinrich Ernesti, genannt Einstein in "Die Physiker")

Das ist mehr als wahrscheinlich wahr. Es ist unvermeidbar. Ist es aber auch unvermeidbar, dass wir alles tun, was wir tun können? Wann übersteigt der Preis dessen, was wir tun das, was wir verantworten wollen? Und wenn wir es nicht verantworten wollen, wäre es dann nicht sinnvoll weniger zu tun, als unsere störanfälligen Fähigkeiten hergeben?

"Wir sind mit unserer Wissenschaft an die Grenzen des Erkennbaren gestoßen. Wir wissen einige genau erfaßbaren Gesetze, einige Grundbeziehungen zwischen unbegreiflichen Erscheinungen, das ist alles, der gewaltige Rest bleibt Geheimnis, dem Verstande unzugänglich. Wir haben das Ende unseres Weges erreicht. Aber die Menschheit ist noch nicht soweit. Wir haben uns vorgekämpft, nun folgt uns niemand nach, wir sind ins Leere gestoßen. Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich. Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit. Sie ist uns nicht gewachsen. Sie geht an uns zugrunde. Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es zurückgenommen. Es gibt keine andere Lösung."
(Johann Wilhelm Möbius in "Die Physiker")

Man kann Wissen nicht zurücknehmen, man kann die Büchse der Panora nicht einfach wieder zukleben. Aber man kann den Umgang damit verändern. Man kann sich fragen, ob wir weit genug sind dieses Wissen zu nutzen, ob wir es beherrschen können mit einem Restrisiko, dessen Preis wir dann auch zu zahlen bereit sein müssen ohne darüber schockiert zu sein. Denn wir hatten bereits die Gelegenheit zu lernen wie dieser Preis aussieht.

„Die Zukunft der Menschheit hängt nicht mehr davon ab, was sie tut, sondern mehr denn je davon, was sie unterläßt.“
(John Irving (*1942), amerik. Schriftsteller)

Rosenmontagsrosenkriege

Posted Schreibe einen Kommentar

Sie halten Karneval für einen Spaß? Pardon, das ist naiv. Und 'Tschuldigung, 'Tschuldigung, 'Tschuldigung, aber ich bin Rheinländerin und ich weiß es schon lange besser.
Lange vor jenem sozial abgründigen und kulturell brisanten Skandal, welcher aktuell und diesbezüglich durch Regensburg tobt.
Oliver und Jasmin (Namen von der Redaktion nicht geändert) sind Mitglieder der Statisterie des Regensburger Theaters. Oliver nimmt Ballettstunden und wöchentlichen Gesangsunterricht bei der Frau des ehemaligen musikalischen Leiters der Bühnen, Jasmin steckt im Abiturstress, ist deswegen derzeit unabkömmlich für den Theater E-Chor und strebt nach der Reifeprüfung die Bühnenreife durch Ausbildung an einer Schauspielschule an.
Beide zusammen bildeten das diesjährige Prinzenpaar der traditionsreichen Faschingsgesellschaft Narragonia 1848 eV zu Regensburg.
Ich lebe seit fünfeinhalb Jahren in Regensburg ohne realisiert zu haben, dass sich auch hier die Narren vereinstechnisch organisieren – aber wie erwähnt, ich bin Rheinländerin. Ich nenne das Karneval und bin dem Fasching gegenüber kulturvergessen und ignorant.
Zu den Aufgaben des Prinzenpaares im Vorfeld des Rosenmontags gehören selbstverständlich umfangreiche repräsentative Unterhaltungsauftritte unterschiedlichster Natur.
Diese führten Oliver I. und Jasmin I. auch in diverse Altenheime, wo sie den Senioren unter anderem Exzerpte der "lustigen Witwe" zu Gehör brachten. Die Senioren fanden das nicht lustig.
Sie sangen trotzdem „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen, hab mich lieb…“. Die Senioren hatten sie nicht lieb.
Von Buh-Rufen wird berichtet. Von Beschwerden, die die Worte "Gesang" und "grottenschlecht" in einen protestierenden Zusammenhang setzten. Der Skandal formierte sich, das Präsidium der Narragonia 1848 reagierte und verhängte kurzentschlossen ein Gesangsverbot für sein Prinzenpaar. Das Präsidiumsmitglied Carl-Borromäus Prämaßing wird in der Mittelbayerischen Zeitung dazu wie folgt zitiert: „Es gibt ja sowas wie Fremdschämen. Ich will’s mal so sagen: Ich find mich zwar für einen schönen Menschen, aber ich tret mit meiner Figur auch nicht nackent bei den Chippendales auf.“
Prämaßing hatte es kommen sehen. Bereits am 11.11. letzten Jahres war nicht nur der Erzschelm Hoppeditz in Düsseldorf erwacht und hatte die jecke Zeit eingeläutet, nein, auch in der Narragonia Geschäftsstelle erwachte der jecke Gesangsschelm in Oliver und Jasmin in Form des Vortrags eines Operettenduetts. Prämaßing beschreibt seinen damaligen Eindruck so: "Ich hab gesagt: Leutchen, übt noch ein bisschen. Ich bin zwar kein Sänger, aber ich war beim Radio und hab einen Satz Ohren. Das isses nicht.“
Das isses nicht, das wurde es denn aber doch und fand seinen skandalträchtigen Höhepunkt in der Garderobe des St. Georg-Stifts der RKT in Burgweinting, kurz vor einem weiteren Auftritt. Präsident Roland Sintic gemahnte sein Prinzenpaar noch einmal nachdrücklich jedweden Gesang zu unterlassen. Es wird berichtet, dass daraufhin Jasmin ihr Diadem für immer absetzte und Oliver sein Kasperl-Zepter zurückgab.
Die Rücktrittserklärung der Tollitäten erfolgte wenig später standesgemäß auf Facebook.
Präsident Sintic fand sich nunmehr sämtlichen Narrenblaubluts entblößt. Er reagierte mit einer womöglich durch Shakespears Königsdramen und deren Verschleiß an königlichem Geblüt erworbenen Routine und ernannte kurzentschlossen Richard und Hannelore Goppel zu Prinzregenten. Die ehemalige Senioren-Tollitäten sind Träger des Radi-Ordens, füllten umgehen das bestehende Machtvakuum und fanden verantwortungsvolle königliche Worte als Hannelore Goppel feststellte: "Man hat sich auch bei den Bediensteten blamiert. Das fällt ja alles auf die Narragonia zurück."
Und recht hat sie, das soll man nicht machen, gutes Personal ist heutzutage schwer zu finden.

Sie denken, das wäre es jetzt gewesen? Das Prinzenpaar ist tot, es lebe das Prinzenpaar?
Weit gefehlt. Hätte ich denn sonst von einem Kulturskandal gesprochen?

Inzwischen schlug der Rücktritt nämlich Wellen, die Medien waren aufmerksam geworden, Zeitungsartikel kündeten in schneller Folge von den Ereignissen, Sat1 regional reiste an und das Prinzenpaar a.D. postierte sich auf der hiesigen Steinernen Brücke, immerhin Wahrzeichen und Teil des Welterbes der UNESCO, um dort die Probe auf's Exempel zu machen und ein Duett aus "My Fair Lady" zu schmettern.
Das Urteil einer amerikanischen Touristengruppe wird zitiert mit „very nice and peaceful“, es soll zu Applaus gekommen sein.
Die Mittelbayerische Zeitung startete eine empirische Umfrage betreffs der Gesangsqualität. Aktuell bekräftigen über 70% der abgebenen Stimmen, dass die Stimmen der beiden nicht abgeben werden sollten. Doch bitte… urteilen Sie selbst:

http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg/artikel/duett_des_ex_prinzenpaars/639786/duett_des_ex_prinzenpaars.html#Umfrage

Rechts mittig finden sie ein Video eingebunden mit aussagekräftigem Material zur Beförderung Ihrer Meinungsbildung.

War's das? Ja das war's. Oder, um Prämaßing zu zitieren: „Wir haben Bismarck und Hitler überlebt. Das werden wir auch überstehen.“
Aha.

Bliebe noch zu erwähnen, dass Pete Doherty derzeit in Regensburg weilt. Der Pete Doherty??? Ja, der. Er dreht zur Zeit in Regensburg und Sünching einen Kinofilm und das Skandalfrei und relativ unbemerkt von der Regensburger Öffentlichkeit. Während der Dreharbeiten auf der Bühne des Regensburger Theaters ließ er sich von der dortigen Leitung der Requisite sogar anstandslos zum rauchen vor die Tür schicken.
Was sind das für Zeiten, in denen britische Skandalrocker handzahm in der Kälte stehen um zu rauchen und die Kulturskandale den Gesangsqualitäten eines Prinzenpaares überlassen?
Was sind das nur für Zeiten!?