Smartmobs made in Rostock!

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Macht es auf!

Samstags sind die Fußgängerzonen immer voll… manchmal sind sie voller. Und manchmal sind sie voller Theaterleute. Das nennt sich dann Smartmob und dieser Mob wischt durch die Rostocker Straßen, spielt auf, singt, tanzt, macht sich bemerkbar. Er verteilt ein Lächeln auf den Gesichtern der Passanten. Sie bleiben stehen, schauen, hören zu, lassen sich anstecken von einer Demonstration guter Laune mit dem die anwesenden Theaterleute und ihre Unterstützer sagen: hier ist euer Theater, hier ist Spielfreude, Spielfreude braucht Platz, gebt ihr Platz, gebt ihr ein großes Haus.

Das ist toll, das ist wichtig, das ist ein Schritt auf dem Weg zu verhindern, dass aus der bautechnischen Schließung von heute ein ensembleloses Bespieltheater für das Rostock von morgen wird.
Und trotzdem bin ich verwundert… wieviele Menschen arbeiten eigentlich am Volkstheater? Ist das wirklich so klein? Müssten da nicht viel mehr Menschen den Demonstrationszug bilden?
Ich komme aus dem Rheinland, ich will gar nicht nachrechnen wieviele Karnevalsumzüge und Schützenfestparaden ich miterleben musste. Rheinländer werden praktisch mit einem genetisch verankerten Grundwissen über menschliche Massenbewegungen geboren. Und liebe Rostocker, da ist mehr Masse möglich, da muss mehr gehen, da müssen mehr gehen… und zwar auf die Straße.
Der Zeitungsartikel schätzt rund 100 Demonstrationsteilnehmer, darin enthalten Freunde und Fans des Rostocker Theaters.
Heute beschäftigt das Volkstheater, dem Internet zufolge, etwa 350 Mitarbeiter/innen. Sagen wir mal rund 100 davon waren echt unabkömmlich. Bleiben 250. Allein geht man ohnehin nicht gerne demonstrieren und wenn es um den eigenen Arbeitsplatz geht, dann dürfen Kind und Kegel gerne mit… veranschlagen wir also weitere 200 Menschen, Partner, Freunde, Sprößlinge. Wir sind bei 450 Menschen. Die Hochschule, dem Theater in enger Partnerschaft verbunden, hat Ferien, das ist strategisch ungünstig, deswegen veranschlagen wir aus dem Bereich freies Theater und Hochschule nur knapp 50 Menschen – die 500 Demonstrationsteilnehmer sind somit erreicht. Hinzuzurechnen noch die Freunde und Förderer des Theaters, die Fans, Kulturverliebten und Bühnensüchtigen… beziffern wir sie mit ebenfalls 50.
In der Summe hätte diese Demonstration mindestens fünfmal größer ausfallen müssen, als sie stattgefunden hat.
Daraus ergibt sich eine Frage. Wo waren diese Menschen? Wo waren sie um dem Theater ihr Gesicht zu diesem wichtigen Anliegen zu geben? Wo waren sie um Rostock demonstrativ einzuladen seinen Ort des Geschichtenerzählens zu unterstützen?
Obwohl vielleicht nicht unangebracht und schwer sinnvoll… es gibt noch keinen Theaterschutzverein, der schützend an die Seite von Theatern springt, welche sich in einer Schieflage befinden. Theater schützen bleibt die Mission seiner Menschen, des Publikums genauso wie jedes einzelnen, der dafür sorgt, dass der Lappen hochgeht.
Na gut… es gibt ja immer Generalproben am Theater, bevor die Vorstellungen an’s laufen kommen. Und Generalproben sollen nicht optimiert funktionieren, das ist Theatergesetz. Theater bedeutet sich steigern. Immer mehr wollen, immer mehr machen. Und so gesehen ist das Gute: für die nächsten Demonstrationen ist noch Potential übrig. Potential an Zahl, an Masse, an Menschen, die ansteckend demonstrieren worauf Rostock nicht verzichten kann.

„Die Physiker“ 2.0

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Ein Land, dessen Ernährungsgewohnheiten mich in Teilen anekeln, dessen Mentalität mir fremder ist als der Mond, dessen Kultur ich bewundere, dieses Land beeindruckt mich auf eine Weise für die ich nicht genug Worte des Respekts finden kann.
"Jetzt denk' doch nicht immer Erdbeben, Flutwelle, Vulkanausbruch!", sagt man, wenn jemand nicht übertreiben und die Kirche im Dorf lassen soll. Diesen Satz wird man nie wieder sagen können, denn die Ereignisse in Japan haben ihn erfüllt und um eine nukleare Katastrophe ergänzt.
Und dieses Land beeindruckt mich. Dort wo derzeit keine akute Gefahr besteht ebenso wie inmitten kriegsähnlicher Verwüstung und im Angesicht der Angst vor einer möglichen partiellen oder vollständigen Kernschmelze in drei Reaktoren.
Die Medien saugen die Bilder aus Japan auf, bereiten sie auf, verwirbeln sie, machen sie massentauglich, durchsetzen sie mit Tschernobylvergleichen, wollen Prognosen für einen Präzidenzfall mit dem niemand Erfahrungen haben kann.
Die Atomwerksbetreibergesellschaften sagen weltweit, was ihre Kollegen in Japan vor einer Woche nicht anders formuliert hätten. Politiker weltweit versichern die rigorose Überprüfung der landeseigenen Nuklearreaktoren.

"Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen"
(Dürrenmatt, in "21 Punkte zu den Physikern")

Eine Naturkatastrophe ist ein menschenunbestimmbarer Zufall, wo sie geschieht ist menschenunbestimmbarer Zufall… was sie trifft ist es nicht und sie hat eine Technologie getroffen, die uns keinen Spielraum gibt für Zufälle, Katastrophen und Fehler.

"Alles denkbare wird einmal gedacht. Jetzt oder in der Zukunft."
(Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd in "Die Physiker")

Das ist wahrscheinlich wahr. Menschen können mit dem denken schlecht aufhören. Manchmal können sie mit dem gedachten aber auch schlecht umgehen.

"Gewisse Risiken muss man schliesslich eingehen.
(Ernst Heinrich Ernesti, genannt Einstein in "Die Physiker")

Das ist mehr als wahrscheinlich wahr. Es ist unvermeidbar. Ist es aber auch unvermeidbar, dass wir alles tun, was wir tun können? Wann übersteigt der Preis dessen, was wir tun das, was wir verantworten wollen? Und wenn wir es nicht verantworten wollen, wäre es dann nicht sinnvoll weniger zu tun, als unsere störanfälligen Fähigkeiten hergeben?

"Wir sind mit unserer Wissenschaft an die Grenzen des Erkennbaren gestoßen. Wir wissen einige genau erfaßbaren Gesetze, einige Grundbeziehungen zwischen unbegreiflichen Erscheinungen, das ist alles, der gewaltige Rest bleibt Geheimnis, dem Verstande unzugänglich. Wir haben das Ende unseres Weges erreicht. Aber die Menschheit ist noch nicht soweit. Wir haben uns vorgekämpft, nun folgt uns niemand nach, wir sind ins Leere gestoßen. Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich. Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit. Sie ist uns nicht gewachsen. Sie geht an uns zugrunde. Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es zurückgenommen. Es gibt keine andere Lösung."
(Johann Wilhelm Möbius in "Die Physiker")

Man kann Wissen nicht zurücknehmen, man kann die Büchse der Panora nicht einfach wieder zukleben. Aber man kann den Umgang damit verändern. Man kann sich fragen, ob wir weit genug sind dieses Wissen zu nutzen, ob wir es beherrschen können mit einem Restrisiko, dessen Preis wir dann auch zu zahlen bereit sein müssen ohne darüber schockiert zu sein. Denn wir hatten bereits die Gelegenheit zu lernen wie dieser Preis aussieht.

„Die Zukunft der Menschheit hängt nicht mehr davon ab, was sie tut, sondern mehr denn je davon, was sie unterläßt.“
(John Irving (*1942), amerik. Schriftsteller)

Rosenmontagsrosenkriege

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Sie halten Karneval für einen Spaß? Pardon, das ist naiv. Und 'Tschuldigung, 'Tschuldigung, 'Tschuldigung, aber ich bin Rheinländerin und ich weiß es schon lange besser.
Lange vor jenem sozial abgründigen und kulturell brisanten Skandal, welcher aktuell und diesbezüglich durch Regensburg tobt.
Oliver und Jasmin (Namen von der Redaktion nicht geändert) sind Mitglieder der Statisterie des Regensburger Theaters. Oliver nimmt Ballettstunden und wöchentlichen Gesangsunterricht bei der Frau des ehemaligen musikalischen Leiters der Bühnen, Jasmin steckt im Abiturstress, ist deswegen derzeit unabkömmlich für den Theater E-Chor und strebt nach der Reifeprüfung die Bühnenreife durch Ausbildung an einer Schauspielschule an.
Beide zusammen bildeten das diesjährige Prinzenpaar der traditionsreichen Faschingsgesellschaft Narragonia 1848 eV zu Regensburg.
Ich lebe seit fünfeinhalb Jahren in Regensburg ohne realisiert zu haben, dass sich auch hier die Narren vereinstechnisch organisieren – aber wie erwähnt, ich bin Rheinländerin. Ich nenne das Karneval und bin dem Fasching gegenüber kulturvergessen und ignorant.
Zu den Aufgaben des Prinzenpaares im Vorfeld des Rosenmontags gehören selbstverständlich umfangreiche repräsentative Unterhaltungsauftritte unterschiedlichster Natur.
Diese führten Oliver I. und Jasmin I. auch in diverse Altenheime, wo sie den Senioren unter anderem Exzerpte der "lustigen Witwe" zu Gehör brachten. Die Senioren fanden das nicht lustig.
Sie sangen trotzdem „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen, hab mich lieb…“. Die Senioren hatten sie nicht lieb.
Von Buh-Rufen wird berichtet. Von Beschwerden, die die Worte "Gesang" und "grottenschlecht" in einen protestierenden Zusammenhang setzten. Der Skandal formierte sich, das Präsidium der Narragonia 1848 reagierte und verhängte kurzentschlossen ein Gesangsverbot für sein Prinzenpaar. Das Präsidiumsmitglied Carl-Borromäus Prämaßing wird in der Mittelbayerischen Zeitung dazu wie folgt zitiert: „Es gibt ja sowas wie Fremdschämen. Ich will’s mal so sagen: Ich find mich zwar für einen schönen Menschen, aber ich tret mit meiner Figur auch nicht nackent bei den Chippendales auf.“
Prämaßing hatte es kommen sehen. Bereits am 11.11. letzten Jahres war nicht nur der Erzschelm Hoppeditz in Düsseldorf erwacht und hatte die jecke Zeit eingeläutet, nein, auch in der Narragonia Geschäftsstelle erwachte der jecke Gesangsschelm in Oliver und Jasmin in Form des Vortrags eines Operettenduetts. Prämaßing beschreibt seinen damaligen Eindruck so: "Ich hab gesagt: Leutchen, übt noch ein bisschen. Ich bin zwar kein Sänger, aber ich war beim Radio und hab einen Satz Ohren. Das isses nicht.“
Das isses nicht, das wurde es denn aber doch und fand seinen skandalträchtigen Höhepunkt in der Garderobe des St. Georg-Stifts der RKT in Burgweinting, kurz vor einem weiteren Auftritt. Präsident Roland Sintic gemahnte sein Prinzenpaar noch einmal nachdrücklich jedweden Gesang zu unterlassen. Es wird berichtet, dass daraufhin Jasmin ihr Diadem für immer absetzte und Oliver sein Kasperl-Zepter zurückgab.
Die Rücktrittserklärung der Tollitäten erfolgte wenig später standesgemäß auf Facebook.
Präsident Sintic fand sich nunmehr sämtlichen Narrenblaubluts entblößt. Er reagierte mit einer womöglich durch Shakespears Königsdramen und deren Verschleiß an königlichem Geblüt erworbenen Routine und ernannte kurzentschlossen Richard und Hannelore Goppel zu Prinzregenten. Die ehemalige Senioren-Tollitäten sind Träger des Radi-Ordens, füllten umgehen das bestehende Machtvakuum und fanden verantwortungsvolle königliche Worte als Hannelore Goppel feststellte: "Man hat sich auch bei den Bediensteten blamiert. Das fällt ja alles auf die Narragonia zurück."
Und recht hat sie, das soll man nicht machen, gutes Personal ist heutzutage schwer zu finden.

Sie denken, das wäre es jetzt gewesen? Das Prinzenpaar ist tot, es lebe das Prinzenpaar?
Weit gefehlt. Hätte ich denn sonst von einem Kulturskandal gesprochen?

Inzwischen schlug der Rücktritt nämlich Wellen, die Medien waren aufmerksam geworden, Zeitungsartikel kündeten in schneller Folge von den Ereignissen, Sat1 regional reiste an und das Prinzenpaar a.D. postierte sich auf der hiesigen Steinernen Brücke, immerhin Wahrzeichen und Teil des Welterbes der UNESCO, um dort die Probe auf's Exempel zu machen und ein Duett aus "My Fair Lady" zu schmettern.
Das Urteil einer amerikanischen Touristengruppe wird zitiert mit „very nice and peaceful“, es soll zu Applaus gekommen sein.
Die Mittelbayerische Zeitung startete eine empirische Umfrage betreffs der Gesangsqualität. Aktuell bekräftigen über 70% der abgebenen Stimmen, dass die Stimmen der beiden nicht abgeben werden sollten. Doch bitte… urteilen Sie selbst:

http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg/artikel/duett_des_ex_prinzenpaars/639786/duett_des_ex_prinzenpaars.html#Umfrage

Rechts mittig finden sie ein Video eingebunden mit aussagekräftigem Material zur Beförderung Ihrer Meinungsbildung.

War's das? Ja das war's. Oder, um Prämaßing zu zitieren: „Wir haben Bismarck und Hitler überlebt. Das werden wir auch überstehen.“
Aha.

Bliebe noch zu erwähnen, dass Pete Doherty derzeit in Regensburg weilt. Der Pete Doherty??? Ja, der. Er dreht zur Zeit in Regensburg und Sünching einen Kinofilm und das Skandalfrei und relativ unbemerkt von der Regensburger Öffentlichkeit. Während der Dreharbeiten auf der Bühne des Regensburger Theaters ließ er sich von der dortigen Leitung der Requisite sogar anstandslos zum rauchen vor die Tür schicken.
Was sind das für Zeiten, in denen britische Skandalrocker handzahm in der Kälte stehen um zu rauchen und die Kulturskandale den Gesangsqualitäten eines Prinzenpaares überlassen?
Was sind das nur für Zeiten!?

Das Runde muss ins eckige und Rostock braucht sein Theater

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2003 geriet der FC St.Pauli in eine unbequeme Schieflage. Der doppelte Abstieg drohte, das Abrutschen in die Oberliga. Mit verantwortlich für diese Talfahrt waren fehlende finanzielle Mittel in Höhe von 1,95 Millionen Euro, aufzutreiben binnen drei Monaten.
Was tat der Verein?
Er rief eine beispiellose Rettungskampagne ins Leben. Neben Dauerkartenverkauf, Spenden und Benefitzaktionen kreierte er eine T-Shirt-Aktion und machte seine Fans zu seinen Rettern. Die T-Shirts mit dem Vereinslogo und der Aufschrift „RETTERIN“ oder „RETTER“ verkauften sich 140.000 mal und erbrachten einen Nettoerlös von 900.000 Euro.
Die Brauerei „Astra“ spendete 1 Euro pro verkauftem Kasten dem Verein, Kiezwirte kassierten 50 Cent-Solidaritätsaufschlag pro ausgeschenktem Bier… beides ergab zusammen 140.000 Euro.
Das Ende vom Märchen war: alle Rettungsaktionen zusammen erbrachten weit mehr als die benötigte Summe.

Warum funktionierte das?

Der FC St.Pauli ist eine emotionale Institution. Er ist es, weil er seinen Fans Emotionen schenkt und Erinnerungen, weil sie sich mit ihm identifizieren… und weil sie die Chance bekamen etwas heroisches für den Verein zu tun mit dem sie sich verbunden fühlen.

Das Volkstheater ist kein Fussballverein, Rostock ist nicht Hamburg… aber wo ist der Unterschied?
Theater ist ein emotionales Produkt, verwoben mit seiner Stadt, verbunden mit den Erinnerungen seiner Besucher. Theater ist Märchenvorstellungen, brüllende begeisterte Kinder, deren Wangen immer noch gerötet sind, wenn sie ihren Eltern zuhause das Erlebte berichten. Theater ist Party zur Musik der Beatles, ist Live-Konzert, Kult und Geschichte. Theater ist Überraschung, wenn Deutschunterrichtgenervte Schüler feststellen, dass ein Mephisto mindestens so cool sein kann wie Wolverine von den X-Men.
Theater ist Entführung aus der Wirklichkeit, Theater ist Verführung, Theater ist Begeisterung, Theater ist Berührung, Theater ist Verzauberung, Theater ist Erholung, Theater ist Inspiration, Theater ist eine Reise, während man Platz genommen hat –
Theater ist ein geniales Produkt für jedermann.

Warum soll mit diesem Produkt nicht funktionieren, was ein Fussballverein geschafft hat?

Will man betriebsbedingte Kündigungen verhindern, dann braucht das Volkstheater Rostock eine Ausweichspielstätte, die was her macht, die neues Zentrum für seine Geschichten werden kann… und mit dem die Rostocker sich identifizieren, weil sie geholfen haben es möglich zu machen.
Diese Ausweichspielstätte benötigt eine Finanzierung… am besten aber eine Finanzierung, die ein deutliches Bekenntnis des Publikums, der Rostocker in sich trägt.
Man braucht also Geld, Aufmerksamkeit für das Anliegen und Solidarität der Öffentlichkeit.

Warum keine T-Shirts? Logo und „RETTERIN“/“RETTER“-Aufdruck für die Großen… Babystrampler mit Logo und „Abonnent von morgen“ für die Kleinen. Meinetwegen auch mit „Intendant von morgen“-Aufdruck. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Warum nicht Cafés, Restaurants und Studentenkneipen zu einem Solidaritätsaufschlag von bloß 25Cent pro Heissgetränk animieren… Motto der Kampagne: „Heiss auf Theater“!

Das Motto darf dann zusammen mit dem Logo auch gleich noch auf Kaffeebecher gedruckt werden, deren Erlös ebenfalls der Ausweichspielstätte zugute kommt.

Warum nicht die überregional bekannte und traditionsreiche Hanseatische Brauerei Rostock GmbH anfragen, ob sie sich zu lokalpatriotischem Heldentum hinreißen lassen und es der „Astra“-Brauerei gleichtun wollen? Denn sein wir ehrlich… nach einem Theaterbesuch, schmeckt da ein kühles Bier nicht wunderbar zu dem Gespräch über das Gesehene?

Warum nicht eine Website ins Leben rufen?

www.rostock-rettet-sein-theater.de
Auf dieser Website wird informiert über den aktuelle Stand, Pläne und Aktionen, man kann direkt auf dieser Website spenden und, sofern die Spender das möchten, werden sie dort auch namentlich erwähnt.
Auf der gleichen Seite kann man die T-Shirts und Artikel ordern, zusätzlich zum Verkauf an allen Spielstätten.
Alle Theater in Deutschland bekommen den Link dazu geschickt, mit der Bitte um Aushang an allen neuralgischen Stellen ihres Theaters… so könnte man Deutschland, Österreich und Schweiz weit die Möglichkeit zur Solidarität anbieten.

Der Frühling kommt… und jeder, der so ein T-Shirt trägt, der trägt auch einen Standpunkt und Aufmerksamkeit in die Öffentlichkeit.

Macht die Aktion bekannt. Schenkt einer versammelten Kindergartenklasse, die hingerissen in der „Chinesischen Nachtigall“ gesessen hat, „Retter“-T-Shirts und bittet zum Foto- und Pressetermin in dem Outfit. Fangt O-Töne der Kinder ein und stellt das Video auf der Website, bei YouTube und auf dem Theater-Facebook-Account ein. Gebt der Presse Futter, schafft eine Leserschaft.

Theater ist Emotion. Theater retten braucht Emotion.
Und Theater weckt Emotionen, das ist seine Natur. Das ist sein Wert, seine Daseinsberechtigung, seine Unverzichtbarkeit. Es verschenkt Emotionen.
Nun ist es an der Zeit seinem Publikum die Chance zu geben dem Theater seine Emotionen zu schenken.

 

Der aufhaltsame Abstieg des Rostocker Theaters

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Ich habe mir heute die Mühe gemacht Rostocks Selbstdarstellung auf der von der Stadt dafür eingerichteten Website zu betrachten. Ich wollte wissen welchen Überfluss an Attraktivität eine Stadt zu bieten hat, die es sich leisten kann ihr Theater dem Verfall preiszugeben und womöglich der, nicht nur vorübergehenden, Schließung.
Die Aufzählung der Errungenschaften von Bildung und Wissenschaft endet in den 30iger Jahren. Doch immerhin, man findet einen Verweis auf "Talente und Taten". Das letzte dort aufgeführte Talent verstarb 1913.
Ich machte mich an die Lektüre der Geschichte der Stadt Rostock und anhand dieser Website endet sie mit dem Umbruch 1989. Weitere erwähnenswerte Geschichte ist nicht vermerkt. Im Artikel jedoch findet man, so um 1850 herum, erwähnt: "Bildende Kunst hielt Einzug ins Stadtbild, Kunstsammlungen und ein neuerbautes Theater unterstrichen die Attraktivität der Stadt."
Rostocks erstes Theater stand von 1786–1880, aber sei's drum, offensichtlich beurteilt man das Vorhandensein von Kultur im vergangenen Stadtgeschehen noch als erstrebenswert.
Die Chronik Rostocks endet immerhin erst 1994… 5 Jahre nach der Stadtgeschichte, dennoch 17 stille und ereignislose Jahre bis zur Gegenwart. Einer Gegenwart, in der die Stadt ihrer eigenen Darstellung nach, praktisch nicht vorkommt.

Aber ich bin ja hartnäckig und guten Willens. Eine Stadt muss nicht mit Daten protzen, wenn in ihr das wilde Leben auf andere Weise tobt. Ich nehme mich der Rubrik "Veranstaltungen" an. Aha… eine ist da… auf dieser Veranstaltung kann man bei einem Tauchgang neun Seehunde füttern. Ja, das kann auch mal schön sein. Die Unterrubrik "Highlights" fesselt nun meine Erwartungen, ich klicke sie an und… oh, schon wieder die Seehunde …und nur die Seehunde. Die Fütterung dieser Viecher scheint oberste Priorität bei der Gestaltung der Veranstaltungshinweise zu genießen.
Jetzt endlich wird mir der Veranstaltungskalender angeboten. Ich mache Nägel mit Köpfen und lasse mir alle Veranstaltungen für alles anzeigen, von Poppendorf bis Krakow am See… es bleibt mit 16 Veranstaltungen übersichtlich. 12 davon betreffen Ausstellungen und werden wahrscheinlich ohnehin wochenlang angezeigt, einmal könnte ich einen Aquakurs auf einem Schloss belegen und dreimal wird mir nahegelegt essen zu gehen… eine Einladung dazu betrifft einen Samstags- & Sonntagsbrunch… obwohl heute Montag ist.

Das ist das selbstgewählte Portrait einer Stadt, deren selbstgewählter Oberbürgermeister Methling keinen Hehl daraus macht, dass er ihr Theater für verzichtbar hält.

"Die ganze Kunst der Politik besteht darin, sich der Zeitumstände richtig zu bedienen."

Das hat Methling nicht gesagt, es war König Ludwig XIV. Aber es lohnt den Sonnenkönig und Roland Methlings Theaterunlust mal im Hinterkopf zu behalten bei der nun folgenden Chronologie einer Demontage:

Im April 2010 vollzieht sich am Volkstheater dessen Umwandlung von einem städtischen Amt in eine GmbH.
Dieser Schritt wurde bereits 2008 von Stefan Gretsch, Bundesvorsitzender der Fachgruppe Musik in ver.di, als "hochproblematische Lösung" bewertet, als "Holzweg zur Bewältigung akuter Finanzierungsprobleme" und darüberhinaus würden "…Erfahrungen der letzten Jahre zeigen dass, Privatisierungen, auch in Form einer GmbH, Arbeitsplätze langfristig nicht sichern. Im Gegenteil, sie sind eine Abwicklung auf Raten…".
Eine "hochproblematische Lösung" mutiert zu einer katastrophalen Lösung, wenn bei einem solchen Unterfangen keine ordentliche Eröffnungsbilanz erstellt wird, stattdessen aber sehr wohl eine mangelhafte Buchführung. Diese ungünstige Kombination führte im November 2010 zur Entlassung des Geschäftsführers Kay-Uwe Nissen, der die Gründung der Theater GmbH seit 2009 begleitet hatte.
Sibylle Bachmann, Vorsitzende der Bürgerschafts-Fraktion des Rostocker Bund, schreibt zu diesem Vorgang auf MVregio (4.11.2010): De facto sei die GmbH unterfinanziert ins Leben gerufen worden. Dafür wie für die noch nicht vorgelegte Eröffnungsbilanz sei Oberbürgermeister Roland Methling politisch verantwortlich.
Dieser sah sich nach Auskunft der Ostsee Zeitung vom gleichen Tag aus gesundheitlicher Angeschlagenheit "nicht zu einer Aussage in der Lage".
Die gesundheitliche Angeschlagenheit des Theaters bezifferte sich zu diesem Zeitpunkt auf ein Defizit beheimatet zwischen 750.000 und 1,2 Millionen Euro.
Die Prognose der Wirtschaftsprüfer bis ins Jahr 2014 hinein veranschlagt zusätzlich ein jährliches Defizit von 4 Millionen Euro.
Für beides wird wohl die Stadt Rostock einspringen müssen, die sich auf diese Weise von ihrem Traum verabschiedet sieht das Theater mit einer Eigenkapitalleistung von 25 000 Euro auf eine acht Millionen Euro Zuschussdiät setzen zu können.
Unerfreulich. Absehbar, aber unerfreulich.
Was tun mit einem Kulturpatienten, den man nach jahrelanger Prügel nun in einem wirklich ramponierten Zustand vorfindet und dessen Überleben finanzielle Zuwendungen erfordert?
Gerade erst hat eine neue Intendanz begonnen, Verträge sind geschlossen worden. Wie stoppt man Zahlungen, wie schließt man ein Theater ohne es zu schließen und womöglich den Zorn der Rostocker Bürger auf sich zu ziehen, die im Gegensatz zu ihrem Oberbürgermeister ins Theater gehen und die Fütterung von Seehunden nicht als ausreichendes kulturelles Angebot bewerten?
Man schließt es ohne es zu schließen. So geschehen Ende Februar. Das große Haus ist dicht. Wegen gravierender Sicherheitsmängel im Bereich Brandschutz und Elektrik. Ein Schelm, wer arges dabei denkt. Aber ein Narr, wer glaubt diese Sicherheitsmängel seien gewissermaßen über Nacht in das Volkstheater teleportiert und hätten sich dort breit gemacht.
Oberbürgermeister Roland Methling bezeichnete diesen Schritt als eine seiner bisher schwersten Entscheidungen. Spätestens jetzt ist offensichtlich, dass er wenig Zeit im Zuschauerraum des Theaters seiner Stadt verbracht hat. Die dort Engagierten wissen wie glaubwürdige Darstellung funktioniert.
Was folgt aus diesem Schritt?
Das Volkstheater verliert seine wichtigste Spielstätte. Provisorische Ausweichspielstätten werden nun gesucht, die künstlerische Arbeit den Gegebenheiten angepaßt… das verursacht neue Kosten, denn der Theaterneubau ist erst für 2018 in der finanziellen Planung.
Die Stadt aber gewinnt etwas hinzu: nämlich die Möglichkeit im Oktober betriebsbedingte Kündigungen zu verschicken, Verträge nicht zu verlängern und ein Haus abzuwickeln, das unter einer beeindruckenden Last von Fehlentscheidungen und Versäumnissen am Boden liegt.
2018 kann dann ein neues Theater gebaut werden. Ein Ensemble wird es nicht mehr haben. Es wird ein Bespielhaus sein, dessen Akteure ab und an mit Tourneebussen vorfahren, ihre kulturelle Aufgabe erfüllen und Rostock dann wieder verlassen. Der Oberbürgermeister erwähnte, dass ihm das reichen würde. Für ihn macht es sicher auch keinen Unterschied, er geht ja ohnehin nicht hinein.
Für Rostock aber macht es einen Unterschied. Den gleichen Unterschied, ob man sich einen Pappkaffee to go bei einer der gesichtsgleichen Fillialen einer Coffeeshopkette geholt hat, oder ob man in seinem Lieblingscafé sitzt und der Kellner, den man kennt, lächelnd einen Milchkaffee mit Schaumverzierung und der richtigen Anzahl Süßstoffpäckchen bringt.

Kultur kostet Geld. Ja. Ein Theater kostet Geld. Auch richtig. Was kostet eigentlich sein Verlust? Was kostet eine Stadt die Demontage identitätsstiftender Attraktivität und Lebendigkeit?
Man hat das mal für die Raumfahrt durchgerechnet… angeblich ein Milliardengrab. Man fand heraus, dass jeder US Dollar, der in das Raumfahrtprogramm investiert wurde über Steuern und Wachstum durch Innovation siebenfach in den amerikanischen Haushalt zurückfließt.
Was also kostet es eine Stadt, deren eigene Website in der Gegenwart keine Geschichte mehr verzeichnet, wenn sie den Ort verliert, wo Geschichten erzählt werden? Was bedeutet es für eine Universitätsstadt, wenn sie vierspartige Geistesnahrung durch Haferschleim ersetzt?
Was es für den Wirtschaftsstandort bedeutet hat Sybille Bachmann formuliert: "„Fachkräfte fragen nach Kindergartenplätzen und kulturellen Angeboten“.

Der nachweislich älteste gedruckte Theaterzettel Deutschlands stammt aus Rostock. Er datiert auf das Jahr 1520. Theater hat in Rostock Vergangenheit.
Auf welches Jahr datiert der Satz: Theater ist in Rostock Vergangenheit?
Es wird an den Rostockern liegen diese Frage zu beantworten.
Nicht an ihren verrechnungsanfälligen Entscheidungsträgern. Nicht an ihrem theaterabwesenden Oberbürgermeister. Sie selbst werden entscheiden müssen wie wertvoll ihnen ihre Zeit an ihrem Theater geworden ist und in Zukunft auch bleiben soll.

Helmut Straßburger – wenn Große von der Bühne gehen, dann oft leise.

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Ich verbringe die letzten Stunden eines Jahres traditionell nicht auf einer Party. So verbringe ich die ersten Stunden des neuen Jahres. Aber bis Mitternacht nehme ich mir ein Glas und rekapituliere. Dieses Jahr möchte ich die Zeit nutzen an den Verlust eines großen Theatermenschens zu erinnern.
Ich habe ein Wertesystem. Es äußerst sich in der Benennung. Die Leute am Theater, die ich gut finde und/oder menschlich mag nenne ich Kollegen. Das bedeutet ich schätze sie und ihre Arbeit. Die nächste Weihe der Benennung lautet Theatermacher. Das sind Kollegen, die mit dem, was sie auf oder für die Bühne tun großartiges leisten, unverwechselbare Momente erschaffen und schenken. Theatermacher bringen das Theater nach vorne, behaupten es als unersetzlich gegen seine Unterhaltungskonkurrenz.
Helmut Straßburger war mehr… er war ein Theatermensch. Diese Benennung vergebe ich selten. Sie schließt den Theatermacher ein, meint aber, dass das Theater untrennbar mit dem Menschen verbunden ist und umgekehrt.
Ich war 25, als ich meine Anfängerzeit beim Schauspieldirektor Straßburger in Dessau begann. Diese Entscheidung gehört fraglos zu den richtigen und guten in meinem Leben. Wenn man von der Schauspielschule kommt, dann kann man so gut ausgebildet sein, wie nur möglich… das Theater muss man trotzdem lernen. Und ich begreife es als ein Privileg, dass ich das Glück hatte nicht wenig darüber von ihm lernen zu dürfen. Helmut Straßburger war ein Mann, dessen Leistungen es ihm erlaubt hätten exzentrisch und eitel zu sein – er war nichts davon. Stattdessen hat er mich wunderbar altmodische Demut vor dem Theater gelehrt, die das Werk, das Ergebnis über persönliche Geltung stellt. Er hat mich begeistert durch seine Energie. Sicher, er war schon älter, 65 Jahre, als ich bei ihm anfing, aber alt war er nicht. Er konnte packen, wenn er erklärte, mitreißen, wenn er Regie führte… in einer ganz seltenen Verbindung von klugen Betrachtungen und emotionalem Bauchgefühl. Er konnte auf eine Weise fordern, die ansteckend war und er begleitete seine Schauspieler durch ihre Entdeckungsreisen und Entwicklungen.
Helmut Straßburger auf der Bühne zu erleben ist schwer zu beschreiben. Ich würde es selbstverständliche Raumverdrängung nennen. Es gelang ihm jeden Gedanken, jedes Gefühl so auf die Bühne zu stellen, dass man den Eindruck hatte: "Ja, genau so, es gibt gar keine andere Art diesen Satz zu sagen oder dieses Gefühl zu zeigen!". Von seiner Bühnenkraft und seinem Elan konnten sich jüngere locker Scheiben abschneiden. Straßburger, oder "Strassi" wie er liebevoll im Ensemble hieß, zu beoabchten war lernen mit den Augen.
Er hat meine Sicht auf das Theater, auf meine Arbeit geprägt wie wenige. Ich erinnere mich an handwerkliche Besessenheit im sprachlichen Umgang mit den Chören in "Faust II", sein fast musikalischer Umgang mit Sprache, mit Sprachrhythmus, mit Zäsuren, die kleine Spannungshöhepunkte bildeten – und plötzlich bekam ein Text eine Wucht, eine Lebendigkeit.
Ich erinnere eine Premierenfeier des "Elektrischen Reiters", wir trafen uns an der Bar des Bauhauses und er sagte, er wüßte, dass wir vielleicht mit diesem sehr eigenen Stück nicht immer volle Vorstellungen haben würden, aber man müsse sein Publikum auch fordern. Strassi hat sich nie zurückgelehnt auf bequemen Wegen, er wollte Theater, das den Mut hat ungewöhnlich zu sein. Ich habe danach nie wieder akzeptiert wenn irgendjemand am Theater gesagt hat: "Die Leute wollen das doch so." und dann mit beliebigem zufrieden war.
Wenn ich heute in Proben an einer Rolle herumknabbere, wenn ich Bögen nicht rund kriege, wenn ich Gedanken und Gefühle nicht auf das Niveau kriege, auf dem sie einfach passieren, dann denke ich daran was er gesagt hat: "Theater ist schnelles denken!". Oh, ja, Strassi konnte so schnell denken, dass einem schwindelig werden konnte. Und wenn ich mich an diesen Satz von ihm erinnere, dann schmeiße ich Ballast aus der Rolle und Gedankenknoten, fange an die Essenz zu denken – und dann haut es plötzlich hin.
Ich habe in dem ersten Märchen gespielt, das er inszeniert hat und erinnere mich, dass er zur Premiere strahlte, als sei er gerade Papa von jedem einzelnen Kind im riesigen Dessauer Zuschauerraum geworden. Dieser große Theatermann hatte ein Märchen auf die Bühne gebracht und freute sich selbst wie ein kleiner Junge darüber wie wunderbar die Kinder darauf reagierten.
Ich blieb acht Jahre bei ihm als Schauspieldirekter… ich habe ihn bis zum letzten Tag mit "Sie" angesprochen. Das ist im Dutzverein Theater doppelt ungewöhnlich und es war keineswegs distanziert gemeint. Und Helmut Straßburger war niemand, der diese Förmlichkeit gefordert hätte, im Gegenteil. Aber es wäre mir nahezu vermessen vorgekommen Sätze zu sagen wie "Strassi, wie meinst du das?". Es war Ausdruck von sehr tiefem Respekt dem Theatermenschen Helmut Straßburger gegenüber.
Ich wußte immer wie sehr ich ihn schätze und wußte es doch auch irgendwie nicht. Ich erfuhr von seinem Tod durch eine Mail seiner Frau und meiner ehemaligen Kollegin Astrid Straßburger. Ich las die Mail, ging in die Küche, machte mir einen Kaffee und merkte plötzlich, dass ich weinte. Ich stand einfach in meiner Küche und weinte.
Das Theater und alle die darin und dafür arbeiten wird ärmer, wenn Theatermenschen gehen. Helmut Straßburger hat 62 Jahre am Theater gearbeitet. Er hat Spuren hinterlassen, die unauslöschlich sind. Ich werde ihn nie vergessen und bin dankbar dafür, dass ich mit ihm arbeiten und von ihm lernen durfte.
Der Bühnenbildner Carlheinz O. Städter hat ihn mit den Worten gewürdigt: "Er hat fürs Theater gelebt – menschlich, kollegial, integer". Dem ist nichts hinzuzufügen.

Bildlich gesprochen

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Es heißt, man soll gehen, wenn's am schönsten ist. Aber das ist Blödsinn, kein Mensch macht das. Oder habt ihr schon mal euren Freund/eure Freundin verlassen mit der Begründung: "Liebling, es ist gerade wunderschön mit dir, deshalb mache ich Schluß!"?

Theater machen ist auch eine Beziehung und man geht erst dann, wenn man die persönliche Entwicklung in keinem kreativen Zustand vorfindet. Das kann man, wie bei allen Trennungen, im guten und im schlechten handhaben. Bei mir war es nach sechs Jahren Regensburg nunmehr soweit und wie bei allen Beziehungen bevorzuge ich dabei den guten Weg. Nichts desto trotz führt auch dieser zu der unumstößlichen Notwendigkeit neue Bewerbungsfotos zu produzieren. Ich hasse das. Ich bin Schauspielerin, kein Model. Ich mag Bewegung, ich mag fließenden Ausdruck, ich mag Gestaltung über mehr als den Bruchteil einer Sekunde hinaus, ich mag es Dynamik zu entwickeln, Lebendigkeit auf- und abzubauen, ich bin kein Poser.

Trotzdem fahre ich tapfer nach Berlin, bepackt mit einer Tasche Outfits. Ich kenne meine Fotografin seit 12 Jahren. Sie hat nicht nur einen zuckersüßen und wunderbaren Hund, nein, sie hat auch zuckersüße und wunderbare Geduld mit meinem Stressfaktor bei einer Fotosession. Und so entstehen etwa 600 Bilder, an verschiedensten Locations. Der Engländer sagt dazu "to take pictures"… aber im Grunde genommen trifft das erst auf den Prozess zu, der nun folgt… nämlich "I have to take pictures" – aber verflixt nochmal welche denn???

Sechs der ungefähr 600 müssen erwählt werden. Nun wird gefiltert, was das Zeug hält. Am Anfang ist das leicht. Alles fliegt 'raus, was danach aussieht, als könne ich mich damit für "Wicked" bewerben… Ok, das ist leicht, Kinderspiel. Dann wird's komplizierter. Ich hätte gerne Vielfalt, unterschiedliche Outfits und Gesichter, die mich wiedergeben. Ja, ja, ich weiß was Photoshop kann. Ein völlig irres Spielzeug… aber ich habe es nunmal gern, wenn die Fotos einen hohen Wiedererkennungswert für den Menschen schaffen, der dann auch tatsächlich zur Tür hereinkommt. Also suche ich typische, facettenreiche Bilder von möglichst unterschiedlichen Locations… ich klicke mich also tapfer durch die übrig gebliebenen 300 möglichen Bilderkandidaten.

Nachdem ich weitere 150 eliminiert habe fängt mein eigenes Gesicht an vor meinen Augen zu verschwimmen und mutiert ganz langsam zu einer Ansammlung von Nasen, Labialfalten, widerspenstigen Haarsträhnen, Lippenkonturen, die lächeln oder was anderes machen… es wird mir immer fremder. Timeout, break!

Inzwischen habe literweise Kaffee vernichtet und sollte den Aschenbecher leeren. Machen Sie das mal, das ist ein interessanter, identitätszerrüttender Selbstversuch… betrachten Sie Ihr Gesicht etwa 2366 mal auf unterschiedlichen Bildern – ich garantiere erstaunliche Entdeckungen und eine Selbstentfremdung, die einer meditativen Außerkörperlichkeit nahe kommt.

Vertagung! Am nächsten Tag ist mir meine Mimik schon wieder vertrauter und ich schrumpfe den Bilderpool auf niedliche 40 Kandidaten… was mich der trügerischen Hoffnung anheim fallen läßt, ich sei bereits im Angesicht der Zielgeraden unterwegs. Weit gefehlt, denn nun kommt der Feinschliff und die Abmischung der Bilder untereinander. Ist das Lächeln nun auf dem einen Bild verschmitzter als auf dem anderen? Fliegen die Seifenblasen schöner nach links oder mitten durch's Bild? Lieber Ganzkörperbild mit rein oder ein weiteres Portrait? Meine Objektivität ist schon wieder dabei sich im Bildergestrüpp zu verlaufen – Zeit ein paar zweite Meinungen einzuholen.

Mein Freundeskreis ist ein buntgemischter, wundervoller Haufen. Er besteht auch, aber keineswegs nur aus Theatermenschen. Da finden sich Staatshüter und Köche, Oberärzte und Designerinnen – und die werden nun befragt. Interessanterweise gibt es tatsächlich sowas wie die Weisheit der vielen, denn es zeichnen sich klare Favoritenbilder ab. Komischerweise sind es jene Bilder, die meine Fotografin treffsicher von Anfang an aus dem Wust heraussortiert hat… aber ich will jetzt echt nicht darüber nachdenken ob ich mir die ganze Bilderbeschau auch hätte schenken können indem ich gleich ihre Auswahl hätte drucken lassen.

Am Ende ist es dann mal wieder geschafft. Die bildlichen Visitenkarten eines Menschen, der sein Gesicht an geschriebene Figuren verleiht, sind gefunden und werden auf die Reise geschickt, damit jene Theatermenschen, die mich interessieren die Gelegenheit bekommen sich für mich zu interessieren.

Aber irgendwann, wirklich, irgendwann mach' ich das tatsächlich. Da such' ich gar nichts aus, sondern stelle mich mit einem Stapel Bilder und einem Fragebogen in die Fußgängerzone, starte eine statistische Erhebung der Sonderklasse und treibe die Weisheit der vielen auf eine noch nie dagewesene Spitze. 🙂

 

Wieso, weshalb, warum…

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Meine Haltung zum Thema Soziale Netzwerke war lange Zeit ein klar strukturiertes "Nein!". Wenn mir ein Datensammler leibhaftig an den Hacken klebt und meinen Alltag begleitet, archiviert und verscherbelt, dann würde ich ihn in der realen Welt fragen, was zum Teufel er da treibt und ob er das zügig zu unterlassen gedenkt. Wieso also sollte ich ihn auf Facebook & Co. ausdrücklich dazu ermächtigen?
Ich möchte meine Stimmung nicht in einem Wort beschreiben müssen, ich erklicke mir keine Freundschaften und sammle sie nicht in zahlenmäßigen Dimensionen die einer Briefmarkensammlung Ehre machen. Ich bin irritiert, wenn ich Besuch bekomme der bittet einmal am Tag online seinen Hund füttern zu dürfen… weil das Mistvieh sonst wegläuft und sich einen willigeren Besitzer für sein virtuelles Dasein sucht. Und ich bin altmodisch genug zu glauben, dass Tomatenernte in einem leckeren realen Salat enden sollte.
Ich bin gerne gut informiert, glaube aber vernachlässigen zu können via Twitter zu erfahren wer wann einen Hot Dog, einen Sojabratling oder Pommes rot/weiß für das Gebot der Mittagsstunde hielt. Und der Verweis auf die gut gepflegte Website ist keine erschöpfende Antwort auf die Frage "Wie geht es dir?".
Außerdem gebe ich zu eine leicht renitente Veranlagung mein eigen zu nennen, wenn es um Trends geht von denen eine verblüffende Mehrheit glaubt, man müsse das einfach tun, sonst verpasse man was.
Dieser Renitenz begann jedoch zunehmend ein nicht ungewichtiges Argument entgegen zu stehen… mein Beruf. Es schadet Schauspielern nämlich so gar nicht, wenn sie Publikum haben, wenn sie sich mitteilen, auffindbar machen oder Menschen unterhalten. Was in der realen Welt auf der Bühne fraglos Sinn macht kann in der virtuellen Welt nicht vollkommen bezweifelnswert sein. Ich entschied, dass es eine Frage des WIE sei.
Bei diesem WIE war sofort klar, dass es ohne Ackerbau und Playlisten würde auskommen müssen… das grenzte den Kreis der Möglichkeiten komfortabel ein. Eine eigene Website wurde erwogen. Und tatsächlich befinden sich in meinem ohne Mausklick erworbenen Freundeskreis hochtalentierte Gestalter, die ich hätte bitten können mir zu helfen (was sicher angebracht gewesen wäre, denn für mich ist bereits die Benutzung von Power Point eine hohe Weihe der Programmierung).
Ich besuchte diverse Websites von Kollegen und verließ sie allesamt ein wenig enttäuscht. Ich hatte schöne Bilder gesehen, Hörbeispiele und Videos konsumiert, Informationen erhalten… aber persönlicher kennengelernt hatte ich den Menschen hinter den Flashelementen nie.
Wenn ich auf die Bühne gehe, dann nicht als Silvia Rhode, nicht mit meinen Worten, nicht unverwandelt, aber trotzdem mit der Hoffnung, dass alles was ich da oben tue einen persönlich nachdrücklich eindrücklichen Moment kreiert in den Köpfen der Zuschauer. Warum sollte ich also in der virtuellen Welt etwas kreieren, das unpersönlich bleibt?
Und wenn man das, was man über einen Schauspieler erfahren sollte mit einer Menge persönlichen Worten verknüpft – dann hat man einen Blog.
So war der Weg …und jetzt ist es nur noch an mir dafür zu sorgen, dass es wortwörtlich nicht an Entertainment fehlt. Lasst mir dafür ein bißchen Zeit, es wird nicht täglich gehaltvolle Artikel hageln. Weniger ist manchmal mehr und die Entdeckung der Langsamkeit zum Zwecke der Herstellung von Qualität keine reine Marthaler Domäne. 😉